FDn 50-1.4
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übersicht

• Vorwort
• Wozu überhaupt Filme eintesten?
• Notwendige Geräte
• Auswahl von Film und Entwickler
• Vorbereitungen und Testaufnahmen
• Filmentwicklung
• Visuelle Auswertung des Teststreifens
• Densitometrische Auswertung (mit Download meines Auswerteprogramms)
• Typische Dichtekurve
• Notlösung: Auswertung des Teststreifens mit Handbelichtungsmesser
• Der zweite und dritte Teststreifen
• Geht das mit einem Aufsichtsgraukeil nicht viel schneller?
• Und was hat man jetzt davon?

Vorwort

Dies ist keine grundsätzliche Anleitung zur SW-Film-Entwicklung. Dazu gibt es zahlreiche andere Internet-Quellen oder Fachbücher. Die wichtigsten Links sind in meiner →SW-FAQ zu finden. Ich unterstelle daher, dass jeder, der diese Seite gesucht und gefunden hat, über die Grundlagen bereits Bescheid weiß, wie z.B. dass bei fast allen Entwicklern der Filmkontrast über die Entwicklungszeit gesteuert werden kann. Im deutschsprachigen Internet gibt es außer dieser hier natürlich auch noch andere brauchbare Anleitungen zum Eintesten von SW-Filmen. Viele Anleitungen erscheinen mir aber zu kompliziert, daher habe ich hier meine eigenen Erfahrungen zusammengefasst.

Das weiter unten ↓ im Abschnitt "Densitometrische Auswertung" angebotene Programm zur leichteren Auswertung der Testaufnahmen stelle ich jedermann zur Verfügung, und es ist mir egal, ob es privat oder gewerblich genutzt wird. Ich übernehme aber keine Gewähr für die Richtigkeit der Ergebnisse. Wenn jemand Fehler entdeckt, bin ich natürlich für Hinweise dankbar.

Wozu überhaupt Filme eintesten?

Es gibt Hobbyfotografen, die behaupten, sie seien nur an guten Bildern interessiert und wollten sich eigentlich nicht um die Technik kümmern. Das funktioniert nicht! Analoge Fotografie kann zwar eine künstlerische Tätigkeit sein, aber sie basiert auf der Technologie des Films. Für optimale und reproduzierbare Ergebnisse ist es wichtig, diese Technologie so weit verstanden zu haben, dass man sie handwerklich sauber umsetzen kann. Darum geht es hier, und dazu ist es auch gar nicht erforderlich, diese Vorgänge in ihren physikalischen oder chemischen Details verstanden zu haben.

Bei einem Farbfilm kann notfalls auf Eintesten verzichtet werden, da es nur darum geht, die tatsächliche Filmempfindlichkeit herauszufinden. Man legt ihn in die Kamera ein und belichtet mit der angegebenen Filmempfindlichkeit. Die Ergebnisse sind auf Anhieb immer mindestens mittelmäßig, nach einer eventuell notwendigen Reduzierung der Filmempfindlichkeit sogar optimal unter den gegebenen Umständen, die durch den Film definiert sind. Der Grund dafür sind weltweit standardisierte Entwicklungsverfahren. Mal abgesehen von Verfahrensfehlern kann man bei Farbfilm mit der Filmentwicklung das Ergebnis kaum beeinflussen. Nicht so bei Schwarzweißfilmen! Da kann es schon vorkommen, dass ein Film exakt nach Herstellerangaben belichtet und entwickelt wird und trotzdem unbrauchbar ist. Es gibt keinen Standard-Entwickler, kein Standard-Entwicklungsverfahren, keinen Standard-Vergrößerer, kein Standard-Fotopapier und auch kein objektiv optimales Standard-Entwicklungsergebnis.

Notwendige Geräte

Man braucht vor allem ein Densitometer, das ist im Grunde nichts anderes als ein genauer Belichtungsmesser. Alte Densitometer gibt es gebraucht günstig aus Röntgenlabor-Auflösungen. Professionelle Transmissions-Densitometer haben eine eingebaute, bezüglich Helligkeit und Farbspektrum genau definierte Lichtquelle und einen darauf abgestimmten Sensor, was ich alles für Luxus halte. Zum Eintesten von SW-Filmen für den häuslichen Gebrauch sind →Laborbelichtungsmesser gut geeignet, die im Idealfall direkt in densitometrischen Einheiten anzeigen (logarithmische Dichte). Die kosten schon etwas mehr (neu ab etwa 350€), und wirklich gute gebrauchte Geräte sind selten. Zur Not tut es auch ein guter Handbelichtungsmesser, der aber schon 0,1-EV-Schritte anzeigen sollte, d.h. auch nicht ganz billig. Alles was man sonst braucht, ist ein Taschenrechner (oder ein PC mit Excel), sowie Standardzubehör zur Filmentwicklung.
Wer noch keines dieser Geräte hat und auch kein Geld investieren will, muss sich notgedrungen durch allmähliche Variation von Belichtung und Entwicklung von Film zu Film herantasten, bis das Ergebnis passt und von einem normalen Motiv ein optimaler Abzug auf Grad.2 gelingt.

Der einzige Nachteil der nachfolgend beschriebenen Messmethode mit dem Labor­belichtungs­messer ist, dass die damit ausgewerteten Ergebnisse nur im Zusammenhang mit der individuell verwendeten Prozesskette (vom Belichtungsmesser der Kamera bis zum Vergrößerungsgerät) gelten. Die Ergebnisse sind daher nicht direkt mit Dichtekurven aus Datenblättern vergleichbar, die vermutlich durch Belichtungsreihen in Profi-Sensitometern und Messung mit Profi-Densitometern ohne Streulichtverfälschungen etc. aufgezeichnet wurden. Manchmal hat man aber auch den Eindruck, dass die Kurven von der Marketingabteilung optimiert wurden. Der riesige Vorteil meiner Methode ist, dass alle konstanten Störeinflüsse aus der eigenen Prozesskette in der Messung enthalten sind und nicht weiter berücksichtigt werden müssen.

• Anmerkung: Ich habe die Messungen mit den Laborbelichtungsmessern Hauck-MSA2 und RHD-Analyser und die Behelfsmessungen mit meinem Handbelichtungsmesser Gossen Variosix-F mit den Dichtemessungen eines alten Densitometers Wellhöfer Lullus 1.21 aus einer Röntgen-Praxis verglichen: Die Kurvenverläufe sind abgesehen von vernachlässigbaren Streuungen absolut identisch. Der einzige für mich relevante Vorteil des Densitometers ist, dass ich damit meine Filme auch bei Tageslicht am Schreibtisch genau ausmessen kann - verbunden mit dem Nachteil, dass ich Streulichteinflüsse nur mit einem pauschalen Korrekturfaktor berücksichtigen kann.

Auswahl von Film und Entwickler

SW-Fotografie ist heute ein Nischenmarkt, trotzdem ist die Vielfalt verschiedener Materialien noch erstaunlich und für einen Anfänger verwirrend. Man muss sich also zunächst für 1 (in Worten: einen) Film und für 1 (einen!) Entwickler entscheiden. In meiner → SW-FAQ habe ich einige Auswahlkriterien zusammengestellt. Die Entscheidung für genau eine Kombination ist für Anfänger SEHR wichtig. Ein ständiges Hin- und Herprobieren auf der Suche nach der Ideallösung führt nur dazu, dass man irgendwann abgelaufene Restbestände von zahlreichen Film- und Entwicklersorten herumstehen hat und damit nur Frust ansammelt. (Ich weiß leider, wovon ich schreibe!) Die ideale Kombination ist die, die man am besten kennt und mit der man bereits seine Erfahrungen gesammelt hat. Wenn man einmal so weit ist, dass man genau weiß, was man will, kann man immer noch etwas anderes ausprobieren.

Vorbereitungen und Testaufnahmen

Die nachfolgenden Beschreibungen gelten für Kleinbildfilm, sind aber sinngemäß auch z.B. auf 120er Rollfilm übertragbar. Lediglich der Filmverbrauch ist damit etwas höher.

Die Testaufnahmen erfolgen bei konstant diffusem Tageslicht. An einem heiter bis wolkigen Tag mit ständig wechselnder Beleuchtung hat man keine Chance. Dann muss das Vorhaben eben verschoben werden. Tageslicht sollte es deswegen sein, weil ein Film bei Kunstlicht eine geringfügig abweichende Empfindlichkeit haben kann. Eine KB-Kamera, die im Idealfall über manuelle Belichtungseinstellung verfügt, wird mit einem 36-er Film geladen und die Nenn-Empfindlichkeit wird am Belichtungsmesser eingestellt. Stehen mehrere Kameras zur Auswahl, kommt die dran, deren Zeit- und Blendensteuerung am zuverlässigsten erscheint. Das Objektiv ist idealerweise ein 50-er oder ein leichtes Tele, das auf unendlich stehen muss (Autofocus aus!). Um auf jeden Fall Verfälschungen durch den Schwarzschildeffekt zu vermeiden, sollten sich die Belichtungszeiten nur im Bereich 1/500 bis 1/2 Sekunde bewegen.

Da nicht alle Kameras übereinstimmende Belichtungsmesser haben, sollten Sie für diese Tests immer den selben Referenzbelichtungsmesser verwenden. Das kann natürlich auch der in der Kamera integrierte sein. Kameras, bei denen die digitale Belichtungsanzeige gleich Sprünge von 1/2 Blendenstufe macht, sind dafür aber schlecht geeignet. Besser sind Zeigerinstrumente oder Handbelichtungsmesser mit 0,1EV Anzeigegenauigkeit.

Jetzt wird formatfüllend auf eine einheitlich helle und farblich neutrale Fläche die Belichtung gemessen. Das muss nicht zwingend eine teure Graukarte sein, ich nehme z.B. immer ein weißes Blatt Druckerpapier. Mit dieser Belichtungseinstellung erhalten wir ein Negativ mit mittlerem Grauwert. Ausgehend davon wird jetzt eine manuell eingestellte Belichtungsreihe mit neun formatfüllenden Aufnahmen gemacht, auf denen nichts außer diesem Blatt Papier drauf ist. Von der Verwendung von Belichtungsautomatiken rate ich ab, da alle möglichen Störeinflüsse vermieden werden müssen. Wir beginnen mit einer Unterbelichtung um 4 Stufen, die letzte Aufnahme ist dann 4 Stufen überbelichtet:

−4  −3  −2  −1  ±0  +1  +2  +3  +4

Das entspricht einem Kontrastumfang von 8 Blendenstufen oder 1:256, was für die alltägliche Knipserei schon sehr viel ist. Der Film wird nach diesen Aufnahmen zurückgespult, dabei die Zunge möglichst noch aus der Patrone herausstehen lassen. Vom Filmanfang werden inklusive Zunge 75mm abgeschnitten und die Ecken wie gewohnt leicht abgeschrägt.

Weiter geht's in der Dunkelkammer, in der vorher an einem Tisch oder Regalbrett im Abstand 457mm von der Kante z.B. mit Klebeband eine im Dunklen tastbare Markierung angebracht wird. Das entspricht der Länge des belichteten Films einschließlich Sicherheitsabstand. Diese Filmlänge wird mit einer Schere abgeschnitten und wie gewohnt in die Entwicklungstrommel eingespult.

Der in der Patrone verbliebene Rest des Films reicht exakt für zwei weitere gleichartige Probestreifen. Mit der Schere wird zum erneuten Einlegen wieder die übliche Form der Zunge angeschnitten.

Filmentwicklung

Der Filmstreifen wird jetzt wie gewohnt entwickelt. Dabei auf Einhaltung aller(!) wichtigen Parameter achten. Dazu gehören vor allem die Einhaltung einer Standard-Entwicklertemperatur und der immer gleiche Kipprhythmus. Die Entwicklungszeit läuft bei mir immer ab dem vollständigen Einfüllen des Entwicklers. Nach Ablauf der Zeit, wird der Entwickler ausgekippt. Die konstant 15s Abtropfzeit zählen nicht mehr zur angestrebten Entwicklungszeit. All das muss man immer gleich machen - und immer das selbe → Thermometer verwenden, auch wenn es wahrscheinlich falsch anzeigt. Abschließend wird die Entwicklung wie gewohnt gestoppt und der Film fixiert.

Das Wichtigste bei der Entwicklung ist, diesen Prozess exakt wiederholen zu können. Dazu hat sich bei mir Folgendes bewährt:
• Ich verwende grundsätzlich nur Einmalentwickler.
• Bei Zeiten unter 10 Minuten kippe ich grundsätzlich im 30s-Rhythmus, wie er von den meisten Herstellern empfohlen wird. Erst bei längeren Zeite verwende ich den bequemeren 60s-Ilford-Kipprhythmus. Es ist wichtig, diesen Rhythmus bei allen Filmentwicklungen konstant beizubehalten. Ich lese gelegentlich mal, dass man durch mehr Bewegung den Detailkontrast steigern kann, ohne dass die Kurve zu steil wird. Das kann ich nicht glauben und halte es für eines der vielen Gerüchte. Aber sicher ist: Wenn außer der Entwicklungszeit auch noch der Kipprhythmus variiert wird, hat man zumindest als Anfänger eine Stellgröße zu viel und blickt bald gar nicht mehr durch.
• Der Entwicklungsprozess wird bei mir grundsätzlich mit einem → sauren Stopbad abgebrochen. Um eine nie ganz auszuschließende Nachentwicklung im Wasser-Zwischenbad brauche ich mir dann keine Sorgen zu machen.
• Ich halte die Nenntemperatur (meist 20°C) möglichst genau ein, was in der Praxis gar nicht so einfach ist. Natürlich gibt es Korrektur-Tabellen oder -Formeln für abweichende Temperaturen, ausgehend von der Entwicklungszeit Z20 bei 20°C:
korrigierte Zeit Z bei Temperatur T nach Kodak: Z = Z20 × e^[−0,081 × (T − 20°)] oder
nach Ilford bzw. Dr.Otto Beyer: Z = Z20 × e^[− (T − 20°) / 10,827397] oder
nach Anzinger für diejenigen ohne e-Funktion auf dem Taschenrechner:
Z = Z20 × (0,004×T×T − 0,25×T + 4,4).
Im Bereich 16-26°C sind diese Formeln gleichwertig.
Aber gelten diese Zusammenhänge wirklich für alle Entwickler und die darin enthaltenen unterschiedlichen Substanzen gleichermaßen? Auch ich verwende zum Eintesten bei abweichenden Temperaturen eine nach obigen Formeln korrigierte Zeit, aber ich achte vorher darauf, dass ich meine Nenntemperatur möglichst genau einstelle. Wenn eine Abweichung von nur wenigen Zehntel Grad mit einer solchen Zeitkorrektur ausgeglichen wird, sollte diese Störgröße vernachlässigbar sein.

Visuelle Auswertung des Teststreifens

Der entwickelte Teststreifen sollte deutlich neun Aufnahmen zeigen. Sie sehen nur 8 Aufnahmen? Das ist gut möglich, dann war die erste Aufnahme (-4) zu knapp belichtet, um eine sichtbare Schwärzung zu erzeugen. Oft ist die angegebene Nennempfindlichkeit etwas übertrieben, oder Ihr Entwickler nutzt die Empfindlichkeit schlecht aus (wie manche Feinstkornentwickler), oder es trifft beides zusammen zu. Bei richtiger Belichtung müsste sich diese erste Aufnahme deutlich sichtbar vom klaren Filmanfang oder dem Perforationsrand abheben.

Densitometrische Auswertung des Teststreifens

Idealerweise erfolgt die Vermessung des Teststreifens mit einem Laborbelichtungsmesser auf dem Grundbrett des Vergrößerungsgeräts (Testnegative in der Bildbühne). In diesem Fall enthält die Messung bei ausgeschaltetem Duka-Licht(!) bereits alle Streulichteinflüsse aus der Beleuchtungseinrichtung (Kondensor und/oder Mischbox, Reflexe an Wänden usw.). Damit der Callier-Effekt realistisch in die Messung eingeht, sollte die Messung bei der Blendeneinstellung vorgenommen werden, mit der auch das Papier belichtet wird.

Ein ideales Negativ sollte bei dieser Vorgehensweise unabhängig von der Bauart des Vergrößerers einen gamma-Wert ergeben, der zur mittleren Papiergradation 2 passt. Welcher gamma-Wert dafür anzustreben ist, hängt von der verwendeten Papiersorte ab. Leider ist der tatsächliche Kontrastumfang verschiedener Papiere bei identischer Filterung nicht konstant. Auch die Datenblätter geben dazu nur grobe Anhaltswerte. Jeder Filter- oder Papierhersteller definiert die Gradationsangaben nach eigener Willkür. Daher sollte man auch sein →Fotopapier eintesten!

Wenn der Laborbelichtungsmesser die log. Dichte D über dem Grundschleier anzeigen kann, hat man es besonders einfach, siehe Gebrauchsanweisung dieses Geräts. Um Messfehler durch Vignettierung des Aufnahme- und/oder Vergrößerungsobjektivs auszuschalten, muss lediglich darauf geachtet werden, dass die Messzelle immer genau in der Bildmitte liegt.

Wenn der Laborbelichtungsmesser nur Zeit in Sekunden anzeigt, muss man etwas rechnen. Als erstes notieren wir die Zeit "Za" in Sekunden, die der Belichtungsmesser für den unbelichteten Filmanfang anzeigt. Die nächsten Messungen machen wir dann für die neun Testaufnahmen und notieren jeweils die Zeit "Z" in Sekunden. Jetzt wird gerechnet. Die logarithmische Dichte D über dem Grundschleier (engl.: base+fog) ergibt sich wie folgt:

D = log(Z) − log(Za)

Die so ermittelten Dichtewerte kann man in diesen → hier herunterladbaren Diagramm-Vordruck eintragen: die Belichtungsstufen −4 bis +4 auf der x-Achse, die D-Werte auf der y-Achse. Schöner geht es natürlich direkt mit dem PC. Ein vorbereitetes Arbeitsblatt habe ich nachfolgend direkt zum Herunterladen vorbereitet. Die Diagramme könnten dann so aussehen, wie ich sie für meine Standardfilme ermittelt habe, siehe die Links ganz oben ↑ auf dieser Seite.

 Filmtest.xls für MS-Excel  Filmtest.ods für OpenOffice

Wenn die ermittelten Messwerte keine typische Gradationskurve, sondern eher eine Zickzacklinie ergeben, dann hat sich wahrscheinlich die Beleuchtung während der Testaufnahmen geändert (etwa durch Wolken am Himmel) oder die Zeit- oder Blendensteuerung der verwendeten Kamera ist vermurkst. Vor allem kurze Verschlusszeiten unter 1/500 sind da verdächtig.

Wichtiger als die Filmempfindlichkeit ist zunächst die Kontrastauswertung. Für das von mir überwiegend verwendete Ilford Multigrade IV RC strebe ich ein mit dieser Messmethode ermitteltes mittleres gamma von 0,65 an. Solche Negative kann ich dann bei mittlerem Motivkontrast von 5½ Blendenstufen wunderbar auf Gradation 2 vergrößern und in beide Richtungen gibt es ausreichend Reserven durch Wahl einer anderen Papiergradation zwischen 0 und 4. Die dann noch möglichen Extrem-Gradationen 00 und 5 sind nur ein Notbehelf für vermurkste Negative; gute Bilder macht man damit wohl kaum. Für andere Papiersorten, die im Vergleich zu Multigrade weicher oder härter arbeiten, braucht man einen anderen Zielwert. Diesen Zielwert ermittelt man wie folgt: 5½ Blendenstufen entsprechen 2^5,5 = 1:45 oder logarithmisch 5,5×log(2) = 1,66. Ilford MGIV kann nach meinen Tests (mit meinem Vergrößerer etc.) bei mittlerer Gradation 2 einen Kontrastumfang von etwa 1,08 wiedergeben. Mein persönlicher Ziel-Gammawert beträgt also 1,08÷1,66 = 0,65.
Was ein mittlerer Motivkontrast ist, hängt natürlich von den persönlichen Vorlieben ab. Zwischen Theaterbühnen und Nebellandschaften liegen Welten.

Den Gammawert des entwickelten Films berechne ich mit den Dichten der Belichtungsstufen -2 und +2 wie folgt:
gamma = [D(+2) - D(-2)] / 1,2
bzw. gamma = Dichteunterschied geteilt durch 1,2
Der Teiler 1,2 ergibt sich aus 4 Blendenstufen à 0,3 und 0,3=log(2).

Wenn der Gammawert kleiner als mein persönlicher Zielwert 0,65 ist, muß ich länger entwickeln. Liegt er darüber, muss durch Verkürzung der Entwicklungszeit der Kontrast verringert werden.

Der zweite Blick erst gilt der Filmempfindlichkeit:
Bei einer idealen Belichtung für diesen Test sollte die erste Aufnahme (das war die um 4 Blendenstufen unterbelichtete) bei D=0,1 liegen. Das ist der Empfindlichkeitspunkt der getesteten Film-Entwicklerkombination (wissenschaftliche Details für SW-Filme siehe ISO 6, für Farbnegativfilme ISO 5800, für Farbdiafilme ISO 2240, für Digitalkameras ISO 12232). Diese Stelle wird dann auf dem Positiv tiefschwarz, bei Betrachtung unter hellem Tageslicht könnte man gerade sich abzeichnende Konturen erkennen. Die zweite Aufnahme sollte dann bei etwa D=0,2 oder leicht darüber liegen. Dort beginnt der annähernd gerade Anstieg der Dichtekurve und damit der voll nutzbare Bereich des Films mit schön abgestuften Grauwerten bereits in den Schattenzonen. Durch horizontales (Links-Rechts-) Verschieben der Kurve hat man ein Maß dafür, wie viele Belichtungsstufen man mehr oder weniger gebraucht hätte, um solche schön durchgezeichnete Schatten zu erhalten. Dieses Links-Rechts-Verschieben ist mit der Excel-Auswertung besonders komfortabel, indem ich dort einfach die Korrektur in DIN-Stufen eintrage.

Ein Standardmotiv mit Objektumfang von ca. 1:40 (etwas mehr als 5 Blendenstufen) wird so auf jeden Fall gut durchgezeichnet wiedergegeben und hat sogar noch etwas Spielraum in Richtung Unterbelichtung. Bei Motiven mit mehr als 6 Blendenstufen Kontrast empfiehlt sich eine Spot-Belichtungsmessung auf bildwichtige Schatten, dann die Blende um 3 Stufen schließen. Diese Schatten erhalten damit wieder mindestens die Dichte 0,2 und alles wird (nicht immer, aber oft) gut. Zumindest kann man mit weicher Gradation die Kontraste auf's Papier bringen. Ob die Bildwirkung dann die gewünschte ist, ist eine andere Frage. Notfalls muss man die Kontraste mit Abwedeln und/oder Nachbelichten bändigen. Wenn man die Möglichkeit hat, ist es meist besser, bei so hohen Kontrasten mit Aufhellblitzen zu arbeiten.


Typische Dichtekurve

Dichtekurve Die Norm-Filmempfindlichkeit liegt dann vor, wenn der Film bei 4 Stufen Unterbelichtung und nach einer Entwicklung auf normalen Kontrast eine log. Dichte von 0,1 über dem Grundschleier hat. (Im alten Zonensystem nach Ansel Adams ist das die Zone I, eine Belichtung exakt nach Belichtungsmesser entspricht Zone V.) Der Kontrastumfang des Films entspricht dem weitgehend geraden Teil der Dichtekurve, in meinem Beispiel etwa 8 Blendenstufen von -3 bis +5. Wie lange die Dichte­kurve nach oben geradlinig verläuft, ist eine wesentliche Film­eigen­schaft und kann zusätzlich durch die Wahl des Entwicklers beeinflusst werden.

Zum Vergleich habe ich in das Bild auch gestrichelt eingezeichnet, wie die Kurve nach Unterbelichtung und Pushen um 1 Stufe aussehen könnte (z.B. ein Film mit echten ISO-100 belichtet auf ISO-200). Durch eine verlängerte Push-Entwicklung (siehe auch → Der Pushpfusch) erreichen die Mitteltöne wieder schöne Grauwerte, der Kontrastumfang ist dadurch aber auf 6 Blendenstufen von -2 bis +4 geschrumpft. Tiefe Schatten und Spitzlichter liegen jetzt schon im Bereich der abgeflachten Kurve und haben deutlich weniger oder gar keine Details mehr.


Notlösung: Auswertung des Teststreifens mit Handbelichtungsmesser

Für eine schnelle überprüfung der Messreihe muss man nicht zwingend erst seine Dunkelkammer aufbauen. Auch ich habe leider nicht den Luxus eines eigenen Laborraumes, es geht auch mit einem Handbelichtungsmesser. Voraussetzung dafür ist, dass dieser mindestens auf 0,1 EV genau anzeigt. üblicherweise ist das nur bei digitalen Belichtungsmessern der mittleren bis gehobenen Klasse der Fall.

Man misst wieder den unbelichteten Filmanfang ("EVa"-Wert notieren) und die EV-Werte aller neun Testbelichtungen. Dazu hält man den Film direkt vor das Messfenster und misst gegen den weißen Bildschirmhintergrund eines warmgelaufenen und möglichst konstant leuchtenden PC-Bildschirms oder gegen eine konstant diffus beleuchtete weiße Wand.

ACHTUNG: Bei aktuellen Bildschirmen mit LED-Hintergrundbeleuchtung hatte ich hier immer recht große Streuungen. Ich vermute, das liegt an den LEDs, die kein kontinuierliches Spektrum erzeugen - und das wiederum ist offensichtlich nicht immer kompatibel mit der spektralen Empfindlichkeit des Belichtungsmessers!

Das Ergebnis solcher Messungen entspricht (nachgewiesen!) dem mit Densitometern, nur eben nicht so genau, da der Belichtungsmesser die Messwerte in relativ groben 0,1EV-Sprüngen anzeigt (entsprechend einem Dichtesprung von 0,03 Einheiten). Daher kann es vor allem im für die Empfindlichkeit interessanten Fußbereich der Kurve zu kleinen Ungenauigkeiten kommen.

Die logarithmische Dichte D muss mit folgender Formel berechnet werden:
D = (EVa − EV) × 0,3 × 0,93

Die Auswertung der berechneten Dichtewerte erfolgt genauso wie oben beschrieben. Der zusätzliche Faktor 0,93 ist hier notwendig, damit die mit dem Handbelichtungsmesser ermittelten Werte mit den Dichtewerten des Laborbelichtungsmessers nach der oben beschriebenen Methode übereinstimmen. Maßgebend ist letztendlich nur die Dichte, die das auf dem Grundbrett liegende Fotopapier sieht. Die Ursache dafür liegt am unterschiedlichen Callier-Effekt dieser beiden Messmethoden und an dem Streulicht meines Dunco-Vergrößerungsgerätes, eine ähnliche Mischkonstruktion wie die Kaiser-Geräte mit Mischkammer und Kondensor. Bei anderer Laborausstattung müsste man diesen Korrekturfaktor anpassen. Reine Mischkammergeräte (z.B. Farbvergrößerer von Durst) haben mehr Streulicht und der Korrekturfaktor sollte dort kleiner als 0,93 sein. Reine Kondensorgeräte (alle SW-Geräte mit Opallampe) haben weniger Streulicht, und dieser Korrekturfaktor sollte gegen 1 gehen (nach meiner Theorie, mangels eines solchen Vergrößerers nicht ausprobiert).

Anmerkung:

Den selben Streulichtfaktor brauche ich übrigens auch für Messungen mit dem Laborbelichtungsmesser, wenn ich die Testnegative nicht in die Bildbühne einlege, sondern direkt auf das Messfenster auflege und mit ungefiltertem Vergrößererlicht von oben belichte. Aus dem selben Grund sind Kontaktabzüge auch stets kontrastreicher als Vergrößerungen mit meinem Dunco, und im Kontakt belichtete Graustufenkeile (z.B. von Stouffer oder Danes) taugen deswegen nur bedingt zum Eintesten von Papier.
Wenn ich meinen Erfahrungswert gamma 0,65 mit meinem Faktor 0,93 zurückrechne auf ein gamma, wie es mit einem Transmissionsdensitometer gemessen werden kann, lande ich bei 0,65/0,93=0,70. Das entspricht dem von Kodak, Ilford, Agfa etc. empfohlenen Negativkontrast für Mischbox-Vergrößerer.
Nach einer Veröffentlichung von Richard J. Henry "Controls in Black-and-White Photography" beträgt der typische Callier-Faktor bei Mischboxvergrößerern 1,02 und bei Kondensorgeräten 1,26. Bei ideal diffuser Beleuchtung mittels Ulbrichtkugel beträgt dieser Faktor genau 1. Daraus rückgerechnet beträgt der absolute Callier-Faktor meines Vergrößerers etwa 1,10 (=1,02/0,93).

Der zweite und dritte Teststreifen

Dass die Herstellerangaben auf Anhieb zu idealen Ergebnissen führen, wäre eher die Ausnahme. Daher ist meist noch ein zweiter oder dritter Teststreifen erforderlich, dazu reicht der Restfilm in der Patrone. Falls die eingestellte Filmempfindlichkeit beim ersten Versuch grob falsch war, kann das jetzt auch schon ungefähr korrigiert werden. Wichtiger ist, dass man sich jetzt an eine Entwicklungszeit herantastet, die zu idealen Negativkontrasten führt. Mein Excel-Programm gibt jeweils eine Empfehlung für die korrigierte Entwicklungszeit aus. Auch mit etwas Erfahrung sind selten mehr als drei Probe-Filmstreifen notwendig.

Geht das mit einem Aufsichtsgraukeil nicht viel schneller?

Im Fachhandel gibt es Aufsichtsgraukeile mit mehr oder weniger exakt in logD=0,15 abgestuften Grauflächen. Wenn man diesen Graukeil abfotografiert, könnte man die oben empfohlene Testaufnahmenreihe durch eine einzige Aufnahme ersetzen. Diese enthält dann die Graustufen über alle Zonen hinweg.

Das erste Problem dabei ist die Belichtungsmessung. Eine Messung auf eine Grautafel ist nicht sinnvoll, da die wenigsten Belichtungsmesser auf 18% Grau kalibriert sind, siehe meine →Anmerkungen zur Graukarte. Leider kann ich keinen Tipp geben, was man stattdessen anmessen soll.
Das zweite Problem mit Aufsichtsgraukeilen ist, dass das Ergebnis stark von der Beleuchtung abhängig ist. Meine Erfahrungen damit sind eher schlechte. Eine solche Fläche mit Tageslicht einheitlich diffus und ohne Reflexionen und jederzeit reproduzierbar auszuleuchten, ist eine Herausforderung, die nochmal ordentlich Aufwand erfordert.

Fazit: Graukarten und Aufsichtsgraukeile halte ich für überflüssig. Wirklich nützlich sind sie nur für den, der sie verkauft.

Und was hat man jetzt davon?

Filme einzutesten ist nichts Kreatives, sondern eher etwas für einen verregneten Sonntagnachmittag. Dadurch allein macht man noch keine besseren Bilder, aber der technische Ausschuss und der damit verbundene Frust wird schnell weniger. Man muss das ja nicht ständig neu machen, sondern für jede Film-Entwickler-Kombination nur einmal. Der Aufwand dafür ist gering (max. 2 Stunden, 1 KB-Film und etwas Chemie). Danach kennt man aber "seinen" Film. Man kann dann z.B. auf bildwichtige Schatten messen und die Belichtungsmesseranzeige gezielt korrigieren. Oder man kann die Entwicklungszeit gezielt verändern, wenn man den Film überwiegend in der prallen Sonne (dann kürzer) oder bei bedecktem Himmel (dann länger) verknipst hat. Mit Einschränkungen ist das →Zonensystem von Ansel Adams auf diese Weise auch auf die Fotografie mit 12-er Rollfilm oder sogar 36-er Kleinbildfilm anwendbar. Vor allem hat man nach einiger Eintesterei verstanden, wie die Fotografie mit Film funktioniert, und warum eine Belichtungsautomatik in der Kamera (womöglich noch mit von der DX-Patrone abgelesener Filmempfindlichkeit) nicht unbedingt ein befriedigendes Ergebnis bringt.

Meine Ergebnisse aus den Testreihen mit Kleinbildfilm habe ich bisher mit einer Ausnahme immer problemlos auf 120er Rollfilme derselben Filmsorte übertragen. Die Unterschiede liegen überwiegend im Material und der Dicke des Trägers, die Emulsion ist da wohl identisch. Der Ausnahmefall ist Ilford Delta100. Dieser braucht bei mir als Rollfilm in Xtol eine um 40%(!) verlängerte Entwicklungszeit.

Copyright © Dr. Manfred Anzinger, Augsburg, 2009 - 2017
Stand: 27.Aug 2017