FDn 50-1.4

Zu diesem Thema gibt es ganze Bücher und zusätzlich -zig Abhandlungen im Internet. Trotzdem schreibe ich nochmal was darüber, weil ich immer wieder viel Unfug lese, den ich mit folgenden Ausführungen ein bisschen zurechtrücken möchte. Die Standardweisheiten, wie z.B. dass zu viel Wolkenanteil eine Integralmessung verfälscht, kann man überall sonst nachlesen. Darüber zu schreiben, ist mir zu fad. Zumindest mit modernen Kameras (ja, die gibt es auch für Film!) ist Belichtungsmessung ganz einfach, sofern man sich gar keine Gedanken darüber macht und einfach mit der eingebauten Matrix- oder Mehrfeldmessung fotografiert. Wer sich aber einmal genauer damit beschäftigt, bei dem kommt doch der eine oder andere Zweifel auf.

Brauche ich einen Handbelichtungsmesser?

Wer seine Film-Entwickler-Kombination noch nicht sorgfältig eingetestet hat (siehe →Filme eintesten), für den lautet die Antwort ganz klar: nein. Der soll ruhig auch weiterhin mit seiner Vollautomatik versuchen, glücklich zu werden.

Ansonsten lautet meine Antwort zunächst auch: Nein, wenn die verwendete Kamera einen ausreichend genauen Belichtungsmesser eingebaut hat, was vermutlich der Fall sein wird. Die geschickt eingesetzte Integralmessung der Kamera ist oft ausreichend. In komplizierteren Fällen kann man mit fast jedem eingebauten Belichtungsmesser auf die Schatten des Motivs messen, man muss mit seiner Kamera nur nahe genug an sein Motiv herangehen. Moderne Spiegelreflexkameras erleichtern das ganz wesentlich durch Umschaltung auf Selektiv- oder Spotmessung. Ein Handbelichtungsmesser mit Objektmessung kann das auch nicht besser, er erledigt diese Arbeit lediglich etwas bequemer. Der angemessene Schatten, der gerade eine ausreichende Detailzeichnung enthalten soll, wird dann um 3 Blenden unterbelichtet (Zone II nach → Ansel Adams) und alles ist gut. Eine ausführliche Kontrastmessung ist lediglich „nice to have“, weil ich bei Kleinbild- oder Rollfilm ohnehin nicht die Entwicklung jeder einzelnen Aufnahme optimieren kann. Der Motivkontrast hilft mir also nur zur Abschätzung, ob ich später im Labor diesen Konstrast noch auf einen ordentlichen Abzug drauf bekomme. Mit modernen (und eingetesteten) Gradationswandelpapieren ist hier einiges möglich.

Schwierig wird es immer, wenn man nicht nahe genug an die Lichter oder Schatten herangehen kann, z.B. bei Landschaftsaufnahmen. Das beste in solchen Fällen ist ein nicht ganz billiger und nicht mehr so richtig handlicher 1°-Spotbelichtungsmesser. Die Selektivmessung mancher Spiegelreflexkameras oder diverse 5°-Vorsätze zu besseren Handbelichtungsmessern sind für genaue Zonenmessungen noch weitgehend unbrauchbar. Jetzt kommt der eigentliche Vorteil eines Handbelichtungsmessers mit Diffusorkalotte: die Lichtmessung, bei der das Licht bewertet wird, mit dem das Motiv beleuchtet wird. Der Landschaftsfotograf misst damit vom Motiv wegzeigend locker über die Schulter nach hinten.

Ein Tipp in diesem Zusammenhang: die Smartphone-App "beeCam LightMeter" funktioniert bei mir mit dem Umgebungslicht-Sensor meines Smartphones erstaunlich gut als Belichtungsmesser für Lichtmessung. Das kann natürlich je nach Handy-Marke stark variieren, ist aber einen Versuch Wert!

Und dann gibt es ganz ohne Messung noch die Sunny-16-Regel (in der dunklen Jahreshälfte zu Sunny-11 abgewandelt). Wenn man Zeit hat und in aller Ruhe fotografieren kann, sollte man vorweg die Belichtung abschätzen und erst danach messen. Mit etwas Erfahrung liegt man da erstaunlich oft richtig. Diese Sunny-16-Regel ist übrigens in den Original „Tomsk“ Belichtungsmesser fest eingebaut, der in jeder Fototasche Platz findet. (© Roman J. Rohleder)

Brauche ich eine Graukarte?

Meine Anwort lautet ganz klar: Nein! Wenn Sie auf die Werbung hereingefallen sind und in schwierigen Fällen mit Messung auf eine Graukarte eine genauere Belichtung erhoffen, muss ich Sie enttäuschen. Eine Nah-Messung mit dem eingebauten Belichtungsmesser (oder Objektmessung mit Handbelichtungsmesser) auf eine vergleichbar ausgeleuchtete Graukarte bringt zwar einen sauberen mittleren Messwert, der nicht durch dominierende Lichter- oder Schattenbereiche des Motivs verfälscht wird. Eine „richtige“ Belichtung ist das aber keineswegs immer. Ganz so einfach ist die Arbeit mit der Graukarte nämlich nicht. Bitte beachten Sie dazu unbedingt meine →Anmerkungen zur Graukarte im unten folgenden Kapitel!

Vergleichbar mit einer Messung auf die Graukarte ist ein Handbelichtungsmesser mit der schon erwähnten Lichtmessung. Man misst damit nicht das Licht, das von einem beliebigen Motiv in Richtung Kamera reflektiert wird, sondern die Stärke der Lichtquellen, die das Motiv beleuchten. Wer also einen Handbelichtungsmesser mit Lichtmessung hat (den haben Sie doch eh', wenn Sie das hier lesen - oder?), für den ist die Graukarte überflüssig. Leider berücksichtigen weder die Graukarte noch die Lichtmessung den tatsächlichen Motivkontrast. Beides ist also gleich schlecht, naja - gleichermaßen suboptimal! Eigentlich ist die Graukarte noch besser, weil man nie weiß, welchen Motivkontrast der Hersteller des Belichtungs­messers für die Lichtmessung zugrunde legt, siehe dazu wieder das folgende Kapitel zur Graukarte.

Noch ein Tipp in diesem Zusammenhang: Die Graukarte mit 18% Reflexion (und damit auch einen Belichtungsmesser mit Lichtmessung) ersetzen sparsame Leute ideal durch ein einfaches weißes Blatt Kopierpapier mit 90% Reflexion. Das ist um den Faktor 5 oder 2 1/3 Blenden heller als eine original Kodak-Graukarte. Vorteil: Ein weißes Blatt Papier ist leicht verfügbar und spottbillig ersetzbar. Wer nicht mal ein weißes Blatt hat, kann seine Hand-Innenfläche anmessen. Diese ist bei einem Mitteleuropäer etwa um 1 Blendenstufe heller als eine Graukarte.

Anmerkungen zur Graukarte

Die meisten Hobbyfotografen glauben, nur weil Kodak früher Graukarten mit 18% Reflexion verkauft hat, sind diese 18% ein nicht anzweifelbarer Mittelwert, der eine exakte Belichtung garantiert. Seit Kodak 1941 in Abstimmung mit Ansel Adams diese 18% festgelegt hat, schreibt das ungeprüft Einer vom Anderen ab.

Wie kommt Kodak ausgerechnet auf 18%?
Wir betrachten dazu eine Szene mit einem Kontrast von 5 Blendenstufen. Jetzt wird’s mathematisch, es geht leider nicht ohne Logarithmus. Diese 5 Blendenstufen entsprechen einem Belichtungskontrast von 1:2^5 = 1:32 (^5 heißt Exponent 5). An der hellsten Stelle erhält der Film demnach 32-mal so viel Licht wie im dunkelsten Schatten. Der Logarithmus von 32 laut Taschenrechner ist log(32)=1,5. Wir haben also einen logarithmischen Kontrastumfang von log(1)=0 bis log(32)=1,5. Eine Stelle mittlerer Helligkeit entspricht log(x)=0,75, der Hälfte von 1,5. Zurückgerechnet auf den unbekannten Wert x ergibt x=10^0,75 = 5,6. Die Stelle im Negativ, die also 5,6-mal so viel Licht erhält wie der dunkelste Schatten hat nach der Entwicklung einen Grauwert, der dem Mittelwert aus Schattendichte und Lichterdichte entspricht und im Idealfall in der Mitte der ausnutzbaren Dichtekurve liegen sollte. Bezogen auf die hellste Stelle (32-mal so hell wie der Schatten) reflektiert der Mittelwert nur 5,6/32=0,175-fach so viel Licht, gerundet sind das die 18% von Kodak.

Und wenn der Objektkontrast nun größer als 1:32 ist?
Nehmen wir an, eine Kontrastmessung hat einen Umfang von 7 Blendenstufen ergeben. Nach der obigen Rechnung erhalten wir einen Kontrastumfang 1:128, oder logarithmisch 2,1. Die Hälfte von 2,1 ist 1,05 entsprechend 1:11,2 und daraus erhalten wir 11,2/128=0,09 oder 9%. Eine Graukarte müsste für ein solches Fotomotiv also einen Reflexionsgrad von 9% haben! Was folgern wir daraus: Eine Integralmessung auf eine Szene mit 7 Blendenstufen Kontrast ist nur sinnvoll mit einem Belichtungsmesser, der auf 9% Reflexion kalibriert ist - und den gibt es nicht, genauso wenig wie die 9%-Graukarte! Alternativ messen wir auf die 18%-Graukarte und belichten um 1 Blendenstufe mehr.

Dass die 18% nicht unbedingt einem durchschnittlichen Motiv entsprechen, weiß bzw. wusste irgendwann auch Kodak. Die schrieben später in der Anleitung zu ihrer Graukarte: „For subjects of normal reflectance increase the indicated exposure by 1/2 stop.“ Sie haben damit zugegeben, dass eine 12%-Graukarte, entsprechend einem Kontrastumfang von 6 Blendenstufen, für angeblich normale Motive sinnvoller wäre. Daher sind auch die meisten Belichtungsmesser nicht auf diese willkürlichen 18% kalibriert, sondern auf etwa 12-14% Reflexion. Das entspricht wieder der 1/3 bis 1/2 Blende Differenz zwischen einer Lichtmessung und einer Objektmessung auf die Graukarte. Weil man nun aber nicht ständig normale Motive vor der Linse hat, ist eine Graukarte vor allem für den nützlich, der sie verkauft. Sie ersetzt keine ausführliche Kontrastmessung mit einem Spot-Belichtungsmesser. Wirklich sinnvoll ist deren Verwendung nur in Kombination mit Farbfilm, um beliebige Farbstiche besser herausfiltern zu können.

Welcher Belichtungsmesser ist der beste?

Jeder, der mit mehr als einer Kamera und auch noch mit Handbelichtungsmesser arbeitet, wird feststellen, dass die Belichtungsmessungen nicht immer ein einheitliches Ergebnis bringen und durchaus etwas schwanken können. Nachdem sich bei mir etliche Gerätschaften angesammelt haben, war es naheliegend, die diversen Belichtungsmesser-Anzeigen untereinander zu vergleichen. Zum Einsatz kamen 4 Handbelichtungsmesser sowie die integrierten Belichtungsmesser diverser Kameras.

Erschütternd für mich war zunächst, dass nicht einmal innerhalb einer Marke (Gossen) Einigkeit herrscht und zwar sowohl bei Messung auf eine einheitlich mit Tageslicht beleuchtete Rauhfasertapete als auch bei Messungen auf ein identisches Motiv im Freien. Damit alle Geräte gleiche Messungen liefern, muss ich so korrigieren:
Variosix F: +0,4 EV / Digisix 2: -0,3 EV / Sixtomat F2 und Sekonic L-208: ±0
Damit sind die Anzeigen auch in Übereinstimmung mit allen EOS-Kameras, der Canon F-1n und der Mamiya M6. Ich kann das also als stabilen und für mich maßgebenden Mittelwert betrachten, von dem alle meine anderen alten Kameras um lediglich ±1 DIN abweichen. Für Negativfilm ist das fast vernachlässigbar.

Die gleichen Messungen habe ich dann auch noch bei Kunstlicht gemacht (100W Glühbirne - JA, ich habe noch eine). Mit den bei Tageslicht ermittelten Korrekturen bringen Digisix, Sekonic L-208 und alle Canons ein einheitliches Ergebnis. Folgende Anzeigen weichen gravierend ab:
Variosix F: -0,7 EV / Sixtomat F2: -1,0 EV / Mamiya M6: -0,7 EV

Mein Referenz-Belichtungsmesser war seit 15 Jahren der alte Variosix F, der bei Tageslicht um reproduzierbare 0,4 EV vom Mittelwert meiner Vergleichsmessungen abweicht. Nach diesen Messungen muss ich wohl alle damit ermittelten Filmempfindlichkeiten um 1 DIN reduzieren und die Belichtungsmesser-Einstellung anpassen.

Jetzt könnte ich noch weitere Vergleichsmessungen machen, z.B. zur Übereinstimmung bei Lichtwert 15 EV ↔ 8 EV oder ein eigentlich nicht besonders sinnvoller Vergleich Lichtmessung ↔ Objektmessung. Diesen Frust erspare ich mir, denn nach DIN 19010 dürfen Belichtungsmesser um bis zu 1/2 Blenden­stufe falsch anzeigen, was sie nach meinen Erfahrungen auch tatsächlich tun! Es ist also eigentlich alles in Ordnung, spätestens nach kleinen Eingriffen in die Kalibrierung (ist bei Gossen auch so vorgesehen). Zusätzlich gilt immer noch meine Empfehlung, sich auch mit der bereits erwähnten Sunny-16-Regel vertraut zu machen, damit Erfahrung zu sammeln und Negativfilm im Zweifelsfall lieber reichlicher zu belichten. Lediglich Diafilme brauchen eine punktgenaue Belichtung.

Die eingangs gestellte Frage nach dem besten Belichtungsmesser kann ich nach dem Vergleich meiner kleinen persönlichen Auswahl natürlich nicht beantworten. Meine Preis-Leistungs-Empfehlung geht knapp an den kleinen Sekonic Twinmate L-208, weil er weder bei Tageslicht noch bei Kunstlicht eine Korrektur erfordert. Noch kleiner und besser für die Hosentasche geeignet ist der etwas teurere Gossen Digisix 2. Eine optimale Handhabung bietet dagegen der nicht mehr angebotene Gossen Variosix F mit drehbarem Sensor und optionalem 5°-Spotvorsatz. Dafür hat dieser als systembedingten Nachteil einen abnehmbaren und damit verlierbaren Diffusor.

Mein persönliches Fazit

Wir wollen hier nicht mit den wissenschaftlichen Methoden eines Physikers einen Messwert auf die x-te Stelle nach dem Komma genau ermitteln. Eine absolut richtige Belichtungs­messung ist mit üblichem Fotografenwerkzeug offensichtlich nicht möglich. (Ausgenommen ist hier eine ausführliche und langwierige Kontrastmessung mit einem unhandlichen Spot-Belichtungsmesser.) Ansonsten muss jeder für sich selbst definieren, was „seine“ richtige Belichtung ist, gemessen mit „seinem“ Referenz-Belichtungsmesser und passend zu „seiner“ Verarbeitungs­kette - und im Zweifelsfall hat man dann noch „seine“ individuelle Erfahrung.

Gottseidank haben wir mit der Schwarzweißfotografie eine sehr tolerante Technik. Daher habe ich die Testerei wieder aufgegeben und einfach einen Belichtungs­messer mit leicht und genau ablesbarer Digitalanzeige zu meinem persönlichen Tageslicht-Referenzgerät erklärt.

In einer alten Kodak-Broschüre stand einmal:

Fotografie ist fast unmöglich. Die Verschlusszeit darf bis zu 50% Abweichung haben, die Blende ebenso; vom Thermometer und der Uhr in der Dunkelkammer ganz zu schweigen. Wenn alle Toleranzen in eine Richtung ausschlagen, ist das Ergebnis ein weißes oder schwarzes Negativ. Da sie es aber selten tun, fotografieren wir mit Leidenschaft.

Copyright © Dr. Manfred Anzinger, Augsburg
Stand: 25.Sept.2018, wird gelegentlich korrigiert und bei neuen Ideen fortgesetzt.