FDn 50-1.4

Übersicht

• Motivkontrast = ?
• Brauche ich einen Handbelichtungsmesser?
• Brauche ich eine Graukarte?
• Anmerkungen zur Graukarte
• Welcher Belichtungs­messer ist der beste?


Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Veröffentlichungen und zusätzlich -zig Abhandlungen im Internet, auch von zahlreichen angeblichen Profis. Trotzdem schreibe ich nochmal was darüber, weil ich immer wieder viel Unfug lese und auf Youtube sehe. Das möchte ich mit folgenden Ausführungen ein bisschen zurechtrücken.

Zumindest mit modernen Kameras (ja, die gibt es auch für Film!) scheint Belichtungs­messung ganz einfach zu sein, sofern man sich gar keine Gedanken darüber macht und einfach mit der eingebauten Matrix- oder Mehr­feld­messung fotografiert. Diese erfasst auch Kontraste innerhalb des Bilds und macht dann etwas daraus. Weil man nicht weiß, was irgendein Algorithmus der Kamera­automatik daraus macht, ist das Ergebnis vor allem bei Gegenlicht schwer vorhersehbar und für kreative Gestaltung nur bedingt brauchbar. Genau für solche Situationen hätte ich von der Matrixmessung Unterstützung erwartet! Daher ist die uralte mitten­betonte Integral­messung oft genauso gut, bei richtiger Anwendung sogar deutlich besser.

Vollautomatik ist sicherlich "nice to have", aber bei ernsthafter Fotografie kommt man nicht darum herum, sich genauer mit Belichtungsmessung zu beschäftigen. Man liest z.B. überall, dass man bei überdurchschnittlichem Kontrast flexibel eine niedrigere Filmempfindlichkeit ansetzen muss. Solche Aufnahmen werden also nicht stur nach Messung belichtet, sondern gezielt überbelichtet, was hier einer richtigen Belichtung entspricht. Eine Belichtungs­automatik wird in solchen Fällen fast immer überfordert sein und man muss mit seiner Erfahrung nachregeln. Ganz so einfach scheint dann doch nicht zu sein. Einige wichtige Details dazu habe ich unten im Kapitel zur →Graukarte hoffentlich verständlich erläutert. (Vorsicht - Mathematik!)

Motivkontrast = Beleuchtungskontrast × Objektkontrast

Diese Weisheit (eigentlich eine Selbstverständlichkeit) ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Andreas Feininger, dessen Bücher ich sehr schätze:

Motivkonstrast ist Beleuchtungskonstrast multipliziert mit Reflexions- oder Objektkontrast.

Natürlich fotografiere auch ich am liebsten mit Belichtungsautomatik. Die jetzt folgenden Ausführungen sind daher keine Empfehlungen für die fotografische Praxis, sondern lediglich wichtig für das Verständnis der Zusammenhänge.

Ein Objekt, das wir fotografieren wollen, besteht aus hellen und dunklen Oberflächen, d.h. aus Oberflächen, die aufgrund ihrer Farbe und Struktur mehr oder weniger Licht reflektieren können. Wenn alle(!) Flächen des Motivs mit der gleichen Lichtmenge ausgeleuchtet würden, wäre der Beleuchtungskontrast gleich Null und ganz alleine der Objektkontrast würde die erforderliche Belichtung bestimmen. Weil es aber immer Objektbereiche gibt, die z.B. im Vordergrund viel Beleuchtung abbekommen, und im Gegensatz dazu Bereiche, die im dunklen Schatten liegen, ist der Beleuchtungskontrast genauso wichtig. Bereiche mit identischer Farbe und Oberfläche können dadurch im späteren Bild eine stark unterschiedliche Helligkeit aufweisen. Wer einem Profi bei der Arbeit zuschaut, kann feststellen, dass dort mit Strahlern und Aufhellschirmen ganz gezielt der Beleuchtungs­kontrast hingefummelt wird, bis er passt.

Jetzt könnte die Graukarte ins Spiel kommen, aber auch jedes normale Blatt Papier kann dafür verwendet werden. Man misst mit einem Belichtungs­messer dieses Blatt einmal in der hellsten Sonnenzone und einmal im dunkelsten Schatten an. Die Differenz in Blendenstufen ist der Beleuchtungskontrast. Einfacher und professioneller als mit einem Blatt Papier geht das mit einem Handbelichtungsmesser mit Diffusorkalotte und „Lichtmessung“ statt der üblichen „Objektmessung“.

Bei einer Integralmessung (egal ob mit Kamera oder Hand­belichtungs­messer) wird jede Art von Kontrast immer vernachlässigt und dumm ein Mittelwert über den gesamten Messwinkel gebildet. Dass eine solche Belichtungsmessung oft daneben liegt, ist jetzt eigentlich klar. Man kann eher von Glück reden, wenn damit 80% aller Bilder ganz okay sind, einen kleinen Teil der Bilder hätte man knapper belichten können (was bei richtig entwickeltem Negativfilm egal ist), und der Rest ist unterbelichtet mit unwiederbringlich verlorenen Schattenbereichen, die überhaupt keine Konturen aufweisen.

Wenn man diese fundamentale Grundlage verstanden hat, fällt jetzt die Entscheidung leichter, ob man unbedingt einen Handbelichtungsmesser oder eine Graukarte braucht.

Brauche ich einen Handbelichtungsmesser?

Wer seine Film-Entwickler-Kombination noch nicht sorgfältig eingetestet hat (siehe →Filme eintesten), für den lautet die Antwort ganz klar: nein. Der soll ruhig auch weiterhin versuchen, mit seiner Vollautomatik glücklich zu werden, was für 80% aller Bilder wohl auch zutrifft.

Ansonsten lautet meine Antwort zunächst auch: Nein, wenn die verwendete Kamera einen ausreichend genauen Belichtungs­messer eingebaut hat, was vermutlich der Fall sein wird. Die geschickt eingesetzte Integralmessung einfacher Kameras ist oft schon ausreichend. In komplizierteren Fällen kann man mit fast jedem eingebauten Belichtungs­messer auf die Schatten des Motivs messen, man muss mit seiner Kamera nur nahe genug an sein Motiv herangehen. Moderne Spiegelreflexkameras erleichtern das ganz wesentlich durch Umschaltung auf Selektiv- oder Spotmessung. Ein Handbelichtungsmesser mit Objekt­messung kann das auch nicht besser, er erledigt diese Arbeit eventuell etwas bequemer. Nach der obigen Definition von Feininger messe ich mit dieser Objektmessung nicht den Objektkontrast, sondern den Motivkontrast, also das Produkt aus Beleuchtung und Reflexion. Der angemessene Schatten, der gerade noch eine ausreichende Detailzeichnung erhalten soll, wird dann um 3 Blenden unterbelichtet (Zone II nach → Ansel Adams) und alles ist gut. Eine ausführliche Kontrastmessung inklusive der hellsten Lichter ist gar nicht immer nötig. Bei Kleinbild- oder Rollfilm kann ich den Kontrast jeder einzelnen Aufnahme ohnehin nicht optimieren. Der Motivkontrast hilft mir nur bei der Abschätzung, ob ich später im Labor diesen Konstrast noch auf einen ordentlichen Abzug drauf bekomme. Mit modernen (und eingetesteten) Gradations­wandel­papieren ist hier einiges möglich.

Schwierig wird es immer, wenn man nicht nahe genug an die Lichter oder Schatten herangehen kann, z.B. bei Landschaftsaufnahmen. Das beste in solchen Fällen ist ein nicht ganz billiger und nicht mehr so richtig handlicher 1°-Spotbelichtungsmesser. Die Selektivmessung mancher Spiegelreflexkameras oder diverse 5°-Vorsätze zu besseren Handbelichtungsmessern sind für genaue Zonenmessungen oft noch unbrauchbar. Jetzt kommt der eigentliche Vorteil eines Handbelichtungsmessers mit Diffusorkalotte: Er ermöglicht die Lichtmessung, die integral das Licht bewertet, mit dem das Objekt beleuchtet wird. Der Landschaftsfotograf misst damit vom Motiv wegzeigend locker über die Schulter nach hinten. Weil alle Belichtungs­messer einen „normalen“ Motivkontrast annehmen, sorgt das Messergebnis auch nur in solchen Fällen für eine richtige Belichtung. Was normal ist, entscheidet der Hersteller, keine Norm. Man muss also sein Gerät kennen und gegebenenfalls nach Erfahrung korrigieren. Der einzige Vorteil dieser Lichtmessung ist, dass die absolute Helligkeit des Objekts keinen Einfluss hat. Eine Objektmessung liegt da doppelt daneben, weil sie weder Helligkeit noch Kontrast des Objekts berücksichtigt.

Ein Tipp in diesem Zusammenhang: die Smartphone-App "beeCam LightMeter" funktioniert bei mir mit dem Umgebungslicht-Sensor meines Smartphones erstaunlich gut als Belichtungs­messer für Lichtmessung. Das kann natürlich je nach Handy-Marke stark variieren, ist aber einen Versuch wert!

Und dann gibt es ganz ohne Messung noch die Sunny-16-Regel (in der dunklen Jahreshälfte zu Sunny-11 abgewandelt). Wenn man Zeit hat und in aller Ruhe fotografieren kann, sollte man vorweg die Belichtung abschätzen und erst danach messen. Mit etwas Erfahrung liegt man da erstaunlich oft richtig. Diese Sunny-16-Regel ist übrigens in den Original „Tomsk“ Belichtungs­messer fest eingebaut, der in jeder Fototasche Platz findet. (© Roman J. Rohleder)

Brauche ich eine Graukarte?

Meine Anwort lautet ganz klar: Nein! Wenn Sie auf die Werbung hereingefallen sind und in schwierigen Fällen mit Messung auf eine Graukarte eine genauere Belichtung erhoffen, muss ich Sie enttäuschen. Eine Nah-Messung mit dem eingebauten Belichtungs­messer (oder Objektmessung mit Handbelichtungsmesser) auf eine vergleichbar ausgeleuchtete Graukarte bringt zwar einen sauberen mittleren Messwert, der nicht durch Objektbereiche mit stark unterschiedlicher Reflexion verfälscht wird. Eine „richtige“ Belichtung ist das aber eher selten, auch wenn viele selbsternannten Spezialisten das immer behaupten. Das Internet ist eben geduldig, und jeder kann seinen Senf dazu geben und mit Werbe-Links drumherum dekorieren. Es gibt keine Belichtungsmesser, die auf diese 18% Reflexion der Graukarte kalibriert sind! Ganz so einfach ist die Arbeit mit der Graukarte nämlich nicht. Bitte beachten Sie dazu unbedingt meine →Anmerkungen zur Graukarte im unten folgenden Kapitel!

Vergleichbar mit einer Messung auf die Graukarte ist ein Handbelichtungsmesser mit der schon erwähnten Lichtmessung. Man misst damit nicht das Licht, das von einem beliebigen Motiv in Richtung Kamera reflektiert wird, sondern die Stärke der Lichtquellen, die das Motiv beleuchten. Wer also einen Handbelichtungsmesser mit Lichtmessung hat (den haben Sie doch eh', wenn Sie das hier lesen - oder?), für den ist die Graukarte überflüssig. Leider berücksichtigen weder die Graukarte noch die Lichtmessung den Objektkontrast (siehe oben). Beides ist also gleich schlecht, naja - gleichermaßen suboptimal! Eigentlich ist für solche Messungen die 18%-Graukarte noch besser, weil sie für einen Motivkontrast von 5 Blendenstufen (siehe nächstes Kapitel) direkt richtige Messungen ergibt. Dagegen weiß man nie, welchen Motivkontrast der Hersteller des Belichtungs­messers für die Lichtmessung durch die Kalotte zugrunde gelegt hat. Jeder Hersteller verwendet dafür eine eigene Referenz, sagt aber nicht welche. Jeder Fotograf muss das mühsam selbst herausfinden.

Noch ein Tipp in diesem Zusammenhang: Die Graukarte mit 18% Reflexion (und damit auch einen Belichtungs­messer mit Lichtmessung) ersetzen sparsame Leute ideal durch ein einfaches weißes Blatt Kopierpapier mit 90% Reflexion. Das ist um den Faktor 5 oder 2 1/3 Blenden heller als eine original Kodak-Graukarte. Vorteil: Ein weißes Blatt Papier ist leicht verfügbar und spottbillig ersetzbar. Wer nicht mal ein weißes Blatt hat, kann seine Hand-Innenfläche anmessen. Diese ist bei einem Mitteleuropäer etwa um 1 Blendenstufe heller als eine Graukarte. Für eine wahrscheinlich(!) richtige Belichtung müssen Sie 1,5 Blendenstufen zugeben (1 Blendenstufe für den Unterschied Hand-Graukarte und noch eine weitere halbe Stufe, weil bei normalem Kontrast die Graukartenmessung zu Unterbelichtung führt).

Anmerkungen zur Graukarte

Die meisten Hobbyfotografen und auch Profis und Fachbuchautoren glauben, nur weil Kodak früher Graukarten mit 18% Reflexion verkauft hat, sind diese 18% ein nicht anzweifelbarer Mittelwert, der eine exakte Belichtung garantiert. Seit Kodak angeblich in Abstimmung mit →Ansel Adams diese 18% festgelegt hat, schreibt das ungeprüft Einer vom Anderen ab. Die amerikanische Norm ANSI PH3.49 von 1971 empfiehlt übrigens die Kalibrierung von Belichtungs­messern auf einen Reflexionswert von 12±2%. Was stimmt jetzt?

Wie kommt Kodak ausgerechnet auf 18%?
Wir betrachten dazu eine Szene mit einem Motivkontrast von 5 Blendenstufen. Jetzt wird’s mathematisch, es geht leider nicht ohne Logarithmus. Diese 5 Blendenstufen entsprechen einem Kontrast von 1:2^5 = 1:32 (^5 heißt Exponent 5). An der hellsten Stelle erhält der Film demnach 32-mal so viel Licht wie im dunkelsten Schatten. Der Logarithmus von 32 laut Taschenrechner ist log(32)=1,5. Wir haben also einen logarithmischen Kontrastumfang von log(1)=0 bis log(32)=1,5. Eine Stelle mittlerer Helligkeit entspricht log(x)=0,75, der Hälfte von 1,5. Zurückgerechnet auf den unbekannten Wert x ergibt x=10^0,75 = 5,6. Die Stelle im Negativ, die also 5,6-mal so viel Licht erhält wie der dunkelste Schatten hat nach der Entwicklung einen Grauwert, der dem Mittelwert aus Schattendichte und Lichterdichte entspricht und im Idealfall in der Mitte der ausnutzbaren Dichtekurve liegen sollte. Bezogen auf die hellste Stelle (32-mal so hell wie der Schatten) reflektiert der Mittelwert nur 5,6/32=0,175-fach so viel Licht, gerundet sind das die 18% von Kodak. Ein mittlerer Grauwert im Negativ entspricht der Zone V nach A. Adams. Die Schatten liegen bei dem hier durch­gerechneten Beispiel in Zone 2,5. Man könnte gegenüber der Graukartenmessung also getrost um 1/2 Blende unterbelichten.

Und wenn der Kontrast nun größer als 1:32 ist?
Nehmen wir an, eine Kontrastmessung hat einen Umfang von 7 Blendenstufen ergeben. Nach der obigen Rechnung erhalten wir einen Kontrastumfang 1:128, oder logarithmisch 2,1. Die Hälfte von 2,1 ist 1,05 entsprechend 1:11,2 und daraus erhalten wir 11,2/128=0,09 oder 9%. Eine Graukarte müsste für ein solches Fotomotiv also einen Reflexionsgrad von 9% haben! Was folgern wir daraus: Eine Integralmessung auf eine Szene mit 7 Blendenstufen Kontrast ist nur sinnvoll mit einem Belichtungs­messer, der auf 9% Reflexion kalibriert ist - und den gibt es nicht, genauso wenig wie die 9%-Graukarte! Alternativ messen wir auf die 18%-Graukarte und belichten um 1 Blendenstufe mehr. Der mittlere Grauwert liegt jetzt wieder auf Zone V, die Schatten aber in Zone 1,5. Eine deutlichere Schattenzeichnung (die hat man ab Zone II) erfordert eine Überbelichtung um eine weitere halbe Blende.
Wer es ganz genau haben möchte (z.B. Großformat-Fotografen): In den Überlegungen ist jetzt noch nicht berücksichtigt, dass dieses Negativ zwar den gesamten Tonwertreichtum des Motivs umfasst, aber für einen optimalen Abzug vielleicht einen zu hohen Kontrast hat. Diesen müsste man zusätzlich durch eine verkürzte Entwicklungszeit kompensieren, was die nutzbare Filmempfindlichkeit noch weiter reduziert. Wie Jost Marchesi in seinem Buch „Die Ilford-Negativtechnik“ schreibt, bräuchte ein 400er Film bei einem Motivkonstrast von 1:128 dann eine Belichtungs­messer-Einstellung auf ISO-125.

Dass die 18% nicht unbedingt einem durchschnittlichen Motiv entsprechen, weiß bzw. wusste irgendwann auch Kodak. Die schrieben später in der Anleitung zu ihrer Graukarte: "For subjects of normal reflectance increase the indicated exposure by 1/2 stop." Sie haben damit zugegeben, dass eine 12%-Graukarte, entsprechend einem Kontrast­umfang von 6 Blendenstufen, für angeblich normale Motive sinnvoller wäre. Daher sind auch die meisten Belichtungs­messer nicht auf diese willkürlichen 18% kalibriert, sondern je nach Hersteller­philosophie auf etwa 12-14% Reflexion. Das entspricht wieder der 1/3 bis 1/2 Blende Differenz zwischen einer Licht­messung und einer Objekt­messung auf die Graukarte. Weil man nun aber nicht ständig normale Motive vor der Linse hat, ist eine Graukarte vor allem für den nützlich, der sie verkauft. Sie ersetzt keine ausführliche Kontrast­messung mit einem Spot-Belichtungs­messer. Wirklich sinnvoll ist deren Verwendung nur bei Farb­aufnahmen, um beliebige Farbstiche besser herausfiltern zu können.

Welcher Belichtungs­messer ist der beste?

Jeder, der mit mehr als einer Kamera und auch noch mit Hand­belichtungs­messer arbeitet, wird feststellen, dass die Belichtungs­messungen nicht immer ein einheitliches Ergebnis bringen und durchaus etwas schwanken können. Nachdem sich bei mir etliche Gerätschaften angesammelt haben, war es naheliegend, die diversen Belichtungs­messer-Anzeigen unter­einander zu vergleichen. Zum Einsatz kamen 5 Hand­belichtungs­messer sowie die integrierten Belichtungs­messer diverser Kameras. Weil CdS-Zellen altern, habe ich solche Geräte bewusst nicht mit einbezogen. Bei den integrierten Belichtungs­messern habe ich nur die Sucher­anzeigen ausgewertet. Ich habe keine Testfilme belichtet, was nicht zwingend zum gleichen Ergebnis führt (alle meine EOS und die Mamiya 6 neigen bei Automatik unabhängig vom angezeigten Wert zu etwa 0,3 EV Unterbelichtung)!

Erschütternd für mich war zunächst, dass nicht einmal innerhalb einer Marke (Gossen) Einigkeit herrscht und zwar sowohl bei Messung auf eine einheitlich mit Tageslicht beleuchtete Rauhfasertapete als auch bei Messungen auf ein identisches Motiv im Freien. Damit alle Geräte gleiche Messungen liefern, muss ich so korrigieren:
Profisix ±0 / Variosix F: +0,4 EV / Digisix 2: -0,3 EV / Sixtomat F2: ±0 / Sekonic L-208: ±0
Damit sind die Anzeigen auch in Übereinstimmung mit allen EOS-Kameras, der Canon New F-1, der Mamiya 6 und sogar mit dem Selen-Belichtungs­messer einer 60 Jahre alten Rolleiflex. Ich kann das also als stabilen und für mich maßgebenden Mittelwert betrachten, von dem alle meine anderen alten Kameras um lediglich ±1 DIN abweichen. Für Negativfilm ist das vernachlässigbar, sofern man sich an die Grundregel hält: „Du sollst nicht unterbelichten!“

Mein Referenz-Belichtungs­messer war 15 Jahre lang der alte Variosix F. Jetzt weiß ich, dass er bei Tageslicht um reproduzierbare 0,4 EV vom Mittelwert meiner Vergleichsmessungen abweicht. Ich musste daraufhin alle früher damit ermittelten Filmempfindlichkeiten um 1 DIN reduzieren. Als Nebeneffekt kann ich jetzt auch bestätigen, dass man sich auf die Angaben in den Ilford-Datenblättern verlassen kann.

Die gleichen Messungen habe ich dann auch noch bei Kunstlicht gemacht (100W Glühbirne - JA, ich habe noch eine). Alle Canons, der Sekonic L-208 und der Digisix (dieser mit der für Tageslicht ermittelten Korrektur) bringen auch bei Kunstlicht ein einheitliches Ergebnis. Folgende Anzeigen weichen gravierend ab:
Profisix: -0,7 / Variosix F: -0,7 / Sixtomat F2 und Rolleiflex: -1,0 / Mamiya 6: -0,7 EV.
Laut dem Service bei Gossen haben die älteren SBC Zellen wie z.B. im Profisix zunehmend Probleme im Rotspektrum. Der Sixtomat F2 (mit der größten Abweichung) ist aber ein Modell aus dem Jahr 2018! Jetzt könnte diese Abweichung natürlich auch eine gut gemeinte Absicht sein, weil Schwarzweißfilm bei Kunstlicht typischerweise eine um 2-3 DIN geringere Empfindlichkeit hat. Um solche Film-spezifischen Korrekturen, die in keiner Anleitung erwähnt werden, kümmere ich mich lieber bewusst selber. In der Kennlinie eines Belichtungs­messers fest eingebaut halte ich das für extrem verwirrend! Wer bei Kunstlicht fotografiert, sollte für perfekte Ergebnisse unbedingt Belichtungs­messeranzeige und reale Empfindlichkeit des verwendeten Films aufeinander eintesten.

Jetzt könnte ich noch weitere Messreihen durchführen, z.B. zur Überprüfung der Linearität bei 15 EV ↔ 8 EV oder eine eigentlich nicht besonders sinnvolle Gegenüberstellung Licht­messung ↔ Objekt­messung. Vor allem Letzteres hat wieder mein Vertrauen in renommierte Belichtungs­messer erschüttert: Ein schneller Vergleich der Lichtmessung ergab bei identischer Tageslichtsituation eine Streubreite von 1,0 EV! Selbstverständlich waren die Belichtungs­messer so kalibriert, dass die Messergebnisse bei Objektmessung auf die selbe weiße Fläche identisch waren. Weiteren Test-Frust erspare ich mir, denn nach DIN 19010 dürfen Belichtungs­messer um bis zu 1/2 Blenden­stufe falsch anzeigen, was sie nach meinen Erfahrungen auch tatsächlich tun! Es ist also eigentlich alles in Ordnung, spätestens nach kleinen Eingriffen in die Kalibrierung, wie es bei Gossen auch so vorgesehen ist. Zusätzlich gilt immer noch meine Empfehlung, sich auch mit der bereits erwähnten Sunny-16-Regel vertraut zu machen, damit Erfahrung zu sammeln und Negativfilm im Zweifelsfall lieber reichlicher zu belichten. Lediglich Diafilme brauchen eine punktgenaue Belichtung.

Welcher Belichtungsmesser ist jetzt der beste?
Diese eingangs gestellte Frage kann ich nach dem Vergleich meiner kleinen Auswahl, die mir zur Verfügung stand, natürlich nicht beantworten. Meine Preis-Leistungs-Empfehlung geht knapp an den kleinen Sekonic Twinmate L-208, weil er weder bei Tageslicht noch bei Kunstlicht eine Korrektur erfordert und seine Batterie (gefühlt) ewig hält. Noch kleiner und besser für die Hosentasche geeignet ist der etwas teurere Gossen Digisix 2. Der alte Profisix ist ein großer Klotz, wiegt 7x so viel und kann auch nicht mehr als diese beiden „Kleinen“, ist also wie die ähnlich großen Lunasix-Varianten eher etwas für leidensfähige Nostalgiker. Sein sagenhafter Messbereich ab -8EV hat für mich keinerlei praktische Bedeutung, weil ich ohne Licht nicht fotografiere. Beide Kleinen haben nicht die Möglichkeit, Blitze in die Messung mit einzubeziehen, das können aber Variosix oder Sixtomat. Weil ich Blitzgeräte selten verwende, ist das für mich ohnehin kein Kriterium. Außerdem beherrschen alle Canon EOS-Gehäuse die TTL-Messung auch mit Blitz. Eine optimale Handhabung bietet der nicht mehr angebotene Gossen Variosix F oder F2 mit drehbarem Sensor und optionalem 5°-Spotvorsatz mit Durchsichtsucher. Dafür hat der Variosix als systembedingten Nachteil einen abnehmbaren und damit verlierbaren Diffusor. Zum Digisix (billige Knopfzelle) und Variosix (9V-Block) empfehle ich schließlich noch, immer die passende Reserve­batterie bereit zu halten!

Mein persönliches Fazit

Weder die Graukarte noch der beste Belichtungs­messer ersparen uns das Mitdenken und die Kenntnis der technischen Zusammenhänge rund um die Fotografie auf SW-Film. Wir wollen aber auch nicht übertreiben und mit den wissenschaftlichen Methoden der Physiker einen Messwert auf die x-te Stelle nach dem Komma genau ermitteln. Eine absolut richtige Belichtungs­messung ist mit üblichem Fotografenwerkzeug offensichtlich nicht möglich. Jeder muss für sich selbst definieren, was „seine“ richtige Belichtung ist, gemessen mit „seinem“ Referenz-Belichtungs­messer und passend zu „seiner“ Verarbeitungs­kette - und im Zweifelsfall hat man dann noch „seine“ individuelle Erfahrung.

Gottseidank haben wir mit der Schwarzweißfotografie eine sehr tolerante Technik. Daher habe ich die Testerei wieder aufgegeben und einfach einen Belichtungs­messer mit leicht und genau ablesbarer Digitalanzeige zu meinem persönlichen Tageslicht-Referenzgerät erklärt.

In einer alten Kodak-Broschüre stand einmal sinngemäß:

Fotografie ist fast unmöglich. Die Verschlusszeit darf bis zu 50% Abweichung haben, die Blende ebenso; vom Thermometer und der Uhr in der Dunkelkammer ganz zu schweigen. Wenn alle Toleranzen in eine Richtung ausschlagen, ist das Ergebnis ein weißes oder schwarzes Negativ. Da sie es aber selten tun, fotografieren wir mit Leidenschaft.

Copyright © Dr. Manfred Anzinger, Augsburg
Stand: Nov. 2019, wird gelegentlich korrigiert und bei neuen Ideen fortgesetzt.