FDn 50-1.4

Übersicht

• Motivkontrast = ?

• Brauche ich einen Hand­belichtungs­messer?

• Brauche ich eine Grau­karte?

• Anmerkungen zur Grau­karte

• Lichtwert LW ↔ Exposure Value EV ?

• Welcher Belichtungs­messer ist der beste?


Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Veröffentlichungen und zusätzlich -zig Abhandlungen im Internet, auch von zahlreichen angeblichen Profis. Trotzdem schreibe ich nochmal was darüber, weil ich immer wieder viel Unfug lese und auf Youtube sehe. Das möchte ich mit folgenden Ausführungen ein bisschen zurechtrücken. Denn mit teurem Equipment eine Belichtungsmessung zu machen und eine Aufnahme richtig zu belichten, ist nicht das gleiche!

Zumindest mit modernen Kameras (die gibt es auch für Film!) scheint Belichtungs­messung ganz einfach zu sein, sofern man sich gar keine Gedanken darüber macht und einfach mit der eingebauten Matrix- oder Mehr­feld­messung fotografiert. Diese erfasst auch Kontraste innerhalb des Bilds und macht dann etwas daraus. Weil man nicht weiß, was irgendein Algorithmus der Kamera­automatik daraus macht, ist das Ergebnis vor allem bei Gegenlicht schwer vorhersehbar und für kreative Gestaltung nur bedingt brauchbar. Genau für solche Situationen hätte ich von der Matrixmessung Unterstützung erwartet! Daher ist die uralte mitten­betonte Integral­messung oft genauso gut, bei richtiger Anwendung sogar besser.

Vollautomatik ist sicherlich "nice to have", aber bei ernsthafter Fotografie kommt man nicht darum herum, sich genauer mit Belichtungsmessung zu beschäftigen. Man liest z.B. überall, dass man bei überdurchschnittlichem Kontrast flexibel eine niedrigere Filmempfindlichkeit ansetzen muss. Solche Aufnahmen werden also nicht stur nach Messung belichtet, sondern gezielt überbelichtet, was hier einer richtigen Belichtung entspricht. Eine Belichtungs­automatik wird in solchen Fällen fast immer überfordert sein und man muss mit seiner Erfahrung nachregeln. Ganz so einfach scheint es dann doch nicht zu sein. Einige wichtige Details dazu habe ich unten im Kapitel zur →Graukarte hoffentlich verständlich erläutert. (Vorsicht: Mathematik!)

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Motivkontrast = Beleuchtungskontrast × Objektkontrast

Diese Weisheit (eigentlich eine Selbstverständlichkeit) ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Andreas Feininger, dessen Bücher ich sehr schätze:

Motivkonstrast ist Beleuchtungskonstrast multipliziert mit Reflexions- oder Objektkontrast.

Natürlich fotografiere auch ich am liebsten mit Belichtungsautomatik. Die jetzt folgenden Ausführungen sind daher keine Empfehlungen für die fotografische Praxis, sondern lediglich wichtig für das Verständnis der Zusammenhänge.

Ein Objekt, das wir fotografieren wollen, besteht aus hellen und dunklen Oberflächen, d.h. aus Oberflächen, die aufgrund ihrer Farbe und Struktur mehr oder weniger Licht reflektieren können. Wenn alle(!) Flächen des Motivs mit der gleichen Lichtmenge ausgeleuchtet würden, wäre der Beleuchtungskontrast gleich Null und ganz alleine der Objektkontrast würde die erforderliche Belichtung bestimmen. Weil es aber immer Objektbereiche gibt, die z.B. im Vordergrund viel Beleuchtung abbekommen, und im Gegensatz dazu Bereiche, die im dunklen Schatten liegen, ist der Beleuchtungskontrast genauso wichtig. Bereiche mit identischer Farbe und Oberfläche können dadurch im späteren Bild eine stark unterschiedliche Helligkeit aufweisen. Wer einem Profi bei der Arbeit zuschaut, kann feststellen, dass dort mit Strahlern und Aufhellschirmen ganz gezielt der Beleuchtungs­kontrast hingefummelt wird, bis er passt.

Jetzt könnte die Graukarte ins Spiel kommen, aber auch jedes normale Blatt Papier kann dafür verwendet werden. Man misst mit einem Belichtungs­messer dieses Blatt einmal in der hellsten Sonnenzone und einmal im dunkelsten Schatten an. Die Differenz in Blendenstufen ist der Beleuchtungskontrast. Einfacher und professioneller als mit einem Blatt Papier geht das mit einem Hand­belichtungs­messer mit Diffusorkalotte und „Lichtmessung“ statt der üblichen „Objektmessung“.

Bei einer Integralmessung (egal ob mit Kamera oder Hand­belichtungs­messer) wird jede Art von Kontrast immer vernachlässigt und dumm ein Mittelwert über den gesamten Messwinkel gebildet. Dass eine solche Belichtungsmessung oft daneben liegt, ist jetzt eigentlich klar. Man kann eher von Glück reden, wenn damit 80% aller Bilder ganz okay sind, einen kleinen Teil der Bilder hätte man knapper belichten können (was bei richtig entwickeltem Negativfilm nicht schlimm ist), und der Rest ist unterbelichtet mit unwiederbringlich verlorenen Schattenbereichen, die überhaupt keine Konturen aufweisen.

Wenn man diese fundamentale Grundlage verstanden hat, fällt jetzt die Entscheidung leichter, ob man unbedingt einen Hand­belichtungs­messer oder eine Graukarte braucht.

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Brauche ich einen Hand­belichtungs­messer?

Bei vielen alten Geräten mit den früher üblichen CdS-Messzellen zeigen diese mittlerweile fehlerhafte Messungen, sind nicht mehr kalibrierbar oder sind ganz ausgefallen. Wer eine solche alte Kamera ohne oder mit nicht mehr funktionierender Belichtungsmessung benutzt, für den ist die Antwort sowieso klar. Hier empfehle ich als kompakte immer-dabei-Lösung den Sekonic Twinmate L-208 oder den Gossen Digisix.

Wer digital fotografiert, kann auf einen externen Belichtungsmesser sowieso verzichten. Aktuelle SD-karten speichern Tausende von Bildern, also sollte man in allen zweifelhaften Fällen Belichtungsreihen mit abgestuften Einstellungen aufnehmen. Die allermeisten Kameras unterstützen das komfortabel. Bei der Betrachtung zu Hause am Monitor löscht man dann alle Aufnahmen bis auf die mit der sichtbar besten Belichtung. Weil bei analoger Fotografie jede einzelne Aufnahme Geld kostet, hält mich schwäbische Sparsamkeit vor allzu häufiger Anwendung solcher Belichtungsreihen ab.

Wer seine Film-Entwickler-Kombination noch nicht sorgfältig eingetestet hat (siehe →Filme eintesten), für den wird ein Hand­belichtungs­messer keine Verbesserung bringen. Das ist nichts Schlimmes, diese Fotografen sollen einfach weiterhin versuchen, mit ihrer Vollautomatik glücklich zu werden, was für locker 80% aller Bilder wohl auch zutrifft.

Ansonsten lautet meine Antwort zunächst auch: Nein, wenn die verwendete Kamera einen ausreichend genauen Belichtungs­messer eingebaut hat, was vermutlich der Fall sein wird. Die geschickt eingesetzte Integralmessung einfacher Kameras ist oft schon ausreichend. In komplizierteren Fällen kann man mit fast jedem eingebauten Belichtungs­messer auf die Schatten des Motivs messen, man muss mit der Kamera nur nahe genug an sein Motiv herangehen. Moderne Spiegelreflexkameras erleichtern das ganz wesentlich durch Umschaltung auf Selektiv- oder Spotmessung. Ein Hand­belichtungs­messer mit Objekt­messung kann das auch nicht besser, er erledigt diese Arbeit eventuell etwas bequemer. Nach der obigen Definition von Feininger messe ich mit dieser Objektmessung nicht den Objektkontrast, sondern den Motivkontrast, also das Produkt aus Beleuchtung und Reflexion. Der angemessene Schatten, der gerade noch eine ausreichende Detailzeichnung erhalten soll, wird dann um 3 Blenden unterbelichtet (Zone II nach → Ansel Adams) und alles ist gut. Eine ausführliche Kontrastmessung inklusive der hellsten Lichter ist gar nicht immer nötig. Bei Kleinbild- oder Rollfilm kann ich den Kontrast jeder einzelnen Aufnahme ohnehin nicht optimieren. Der Motivkontrast hilft mir nur bei der Abschätzung, ob ich später im Labor diesen Konstrast noch auf einen ordentlichen Abzug drauf bekomme. Mit modernen (und eingetesteten) Gradations­wandel­papieren ist hier einiges möglich. Schwierig wird es erst ab einem Kontrast von 7 Blendenstufen. Man muss muss sich dann entscheiden, ob die Details in den Schatten oder in den Lichtern wichtiger sind. Wenn man derart hohe Kontraste auf die Schatten belichtet, besteht die Gefahr, dass die Lichter durch Streuung in der Emulsionsschicht überstrahlen. Als unmittelbare Folge wird auch die Schärfe bei solchen Überbelichtungen deutlich schlechter.

Schwierig wird es immer, wenn man für eine Detail­messung nicht nahe genug an die Schatten herangehen kann, z.B. bei Landschaftsaufnahmen. Das beste in solchen Fällen ist ein nicht ganz billiger und nicht mehr so richtig handlicher 1°-Spot­belichtungs­messer. Die Selektiv­messung mancher Spiegel­reflex­kameras oder diverse 5°-Vorsätze zu besseren Hand­belichtungs­messern sind für genaue Zonen­messungen oft noch unbrauchbar. Jetzt kommt der eigentliche Vorteil eines Hand­belichtungs­messers mit Diffusor­kalotte: Er ermöglicht die Lichtmessung, die integral das Licht bewertet, mit dem das Objekt beleuchtet wird. Der Landschafts­fotograf misst damit vom Motiv wegzeigend locker über die Schulter nach hinten. Weil alle Belichtungs­messer einen „normalen“ Motivkontrast annehmen, sorgt das Messergebnis auch nur in solchen Fällen für eine richtige Belichtung. Was normal ist, entscheidet der Hersteller, keine Norm. Man muss also sein Gerät kennen und gegebenen­falls nach Erfahrung korrigieren. Der einzige Vorteil dieser Lichtmessung ist, dass die absolute Helligkeit des Objekts keinen Einfluss hat. Eine Objektmessung liegt da doppelt daneben, weil sie weder Helligkeit noch Kontrast des Objekts berücksichtigt.

Zur Erinnerung: Ganz ohne Messung gibt es noch die Sunny-16-Regel (in der dunklen Jahreshälfte zu Sunny-11 abgewandelt). Wenn man Zeit hat und in aller Ruhe fotografieren kann, sollte man vorweg die Belichtung abschätzen und erst danach messen. Mit etwas Erfahrung liegt man da erstaunlich oft richtig. Diese Sunny-16-Regel ist übrigens in den Exposure Calculator von Andy Lawn fest eingebaut und findet in jeder Fototasche Platz.

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Brauche ich eine Graukarte?

Meine Anwort lautet ganz klar: Nein! Wenn Sie auf die Werbung hereingefallen sind und in schwierigen Fällen mit Messung auf eine Graukarte eine genauere Belichtung erhoffen, muss ich Sie enttäuschen. Eine Nah-Messung mit dem eingebauten Belichtungs­messer (oder Objektmessung mit Hand­belichtungs­messer) auf eine vergleichbar ausgeleuchtete Graukarte bringt zwar einen sauberen mittleren Messwert, der nicht durch Objektbereiche mit stark unterschiedlicher Reflexion verfälscht wird. Eine „richtige“ Belichtung ist das aber eher selten, auch wenn viele selbsternannte Spezialisten das immer behaupten. Das Internet ist eben geduldig, und jeder kann seinen Senf dazu geben und mit Werbe-Links drumherum dekorieren. Es gibt keine Belichtungsmesser, die auf diese 18% Reflexion der Graukarte kalibriert sind - basta! Und so einfach wie man sich das vorstellt, ist die Arbeit mit der Graukarte letztendlich auch nicht (siehe z.B. hier). Bitte beachten Sie dazu unbedingt auch meine →Anmerkungen zur Graukarte im unten folgenden Kapitel!

Vergleichbar mit einer richtigen(!) Messung auf die Graukarte ist ein Hand­belichtungs­messer mit der schon erwähnten Lichtmessung. Man misst damit nicht das Licht, das von einem beliebigen Motiv in Richtung Kamera reflektiert wird, sondern die Stärke der Lichtquellen, die das Motiv beleuchten. Wer also einen Hand­belichtungs­messer mit Lichtmessung hat (den haben Sie doch eh', wenn Sie das hier lesen - oder?), für den ist die Graukarte total überflüssig. Leider berücksichtigen weder die Graukarte noch die Lichtmessung den →Motivkontrast. Beides ist also gleich schlecht, naja - gleichermaßen suboptimal! Eigentlich ist für solche Messungen die 18%-Graukarte noch besser, weil sie für einen Motivkontrast von 5 Blendenstufen direkt richtige Messungen ergibt (mehr dazu im nächsten Kapitel). Dagegen weiß man nie, welchen Motivkontrast der Hersteller des Belichtungs­messers für die Lichtmessung durch die Kalotte zugrunde gelegt hat. Jeder Hersteller verwendet dafür eine eigene Referenz, sagt aber nicht welche. Jeder Fotograf muss das mühsam selbst herausfinden.

Noch ein Tipp in diesem Zusammenhang: Die Graukarte mit 18% Reflexion (und damit auch einen Belichtungs­messer mit Lichtmessung) ersetzen sparsame Leute ideal durch ein einfaches weißes Blatt Kopierpapier mit 90% Reflexion. Das ist um den Faktor 5 oder 2 1/3 Blenden heller als eine original Kodak-Graukarte. Vorteil: Ein weißes Blatt Papier ist leicht verfügbar und spottbillig ersetzbar. Wer nicht mal ein weißes Blatt hat, kann seine Hand-Innenfläche anmessen. Diese ist bei einem Mitteleuropäer etwa um 1 Blendenstufe heller als eine Graukarte. Für eine wahrscheinlich(!) richtige Belichtung müssen Sie 1,5 Blendenstufen zugeben: 1 Blendenstufe für den Unterschied Hand-Graukarte und noch eine weitere halbe Stufe, weil bei normalem Kontrast die Graukartenmessung zu Unterbelichtung führt.

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Anmerkungen zur Graukarte

Die meisten Hobbyfotografen und auch Profis und Fachbuchautoren glauben, nur weil Kodak früher Graukarten mit 18% Reflexion verkauft hat, sind diese 18% ein nicht anzweifelbarer Mittelwert, der eine exakte Belichtung garantiert. Seit Kodak diese 18% festgelegt hat, schreibt das ungeprüft Einer vom Anderen ab. Die amerikanische Norm ANSI PH3.49 von 1971 empfiehlt übrigens die Kalibrierung von Belichtungs­messern auf einen Reflexionswert von 12±2%. Was stimmt jetzt?

Wie kommt Kodak ausgerechnet auf 18%?
Wir betrachten dazu eine Szene mit einem Motivkontrast von 5 Blendenstufen. Jetzt wird’s mathematisch, es geht leider nicht ohne Logarithmus. Diese 5 Blendenstufen entsprechen einem Kontrast von 1:2^5 = 1:32 (^5 heißt Exponent 5). An der hellsten Stelle erhält der Film demnach 32-mal so viel Licht wie im dunkelsten Schatten. Der Logarithmus von 32 laut Taschenrechner ist log(32)=1,5. Wir haben also einen logarithmischen Kontrastumfang von log(1)=0 bis log(32)=1,5. Eine Stelle mittlerer Helligkeit entspricht log(x)=0,75, der Hälfte von 1,5. Zurückgerechnet auf den unbekannten Wert x ergibt x=10^0,75 = 5,6. Die Stelle im Negativ, die also 5,6-mal so viel Licht reflektiert wie der dunkelste Schatten hat nach der Entwicklung einen Grauwert, der dem Mittelwert aus Schattendichte und Lichterdichte entspricht und im Idealfall in der Mitte der ausnutzbaren Dichtekurve liegen sollte. Bezogen auf die hellste Stelle (32-mal so hell wie der Schatten) reflektiert der Mittelwert nur 5,6/32=0,175-fach so viel Licht, gerundet sind das die 18% von Kodak. Ein mittlerer Grauwert im Negativ entspricht der Zone V nach A. Adams. Die Schatten liegen bei dem hier durch­gerechneten Beispiel in Zone 2,5. Man könnte gegenüber der Graukartenmessung also getrost um 1/2 Blende unterbelichten.

Und wenn der Kontrast nun größer als 1:32 ist?
Nehmen wir an, eine Kontrastmessung hat einen Umfang von 7 Blendenstufen ergeben. Nach der obigen Rechnung erhalten wir einen Kontrastumfang 1:128, oder logarithmisch 2,1. Die Hälfte von 2,1 ist 1,05 entsprechend 1:11,2 und daraus erhalten wir 11,2/128=0,09 oder 9%. Eine Graukarte müsste für ein solches Fotomotiv also einen Reflexionsgrad von 9% haben! Was folgern wir daraus: Eine Integralmessung auf eine Szene mit 7 Blendenstufen Kontrast ist nur sinnvoll mit einem Belichtungs­messer, der auf 9% Reflexion kalibriert ist - und den gibt es nicht, genauso wenig wie die 9%-Graukarte! Alternativ messen wir auf die 18%-Graukarte und belichten um 1 Blendenstufe mehr. Der mittlere Grauwert liegt jetzt wieder auf Zone V, die Schatten aber in Zone 1,5. Eine deutlichere Schattenzeichnung (die hat man ab Zone II) erfordert eine Überbelichtung um eine weitere halbe Blende.
Wer es ganz genau haben möchte (z.B. Großformat-Fotografen): In den Überlegungen ist jetzt noch nicht berücksichtigt, dass dieses Negativ zwar den gesamten Tonwertreichtum des Motivs umfasst, aber für einen optimalen Abzug vielleicht einen zu hohen Kontrast hat. Diesen müsste man zusätzlich durch eine verkürzte Entwicklungszeit kompensieren, was die nutzbare Filmempfindlichkeit noch weiter reduziert. Wie Jost Marchesi in seinem Buch „Die Ilford-Negativtechnik“ schreibt, bräuchte ein 400er Film bei einem Motivkonstrast von 1:128 dann eine Belichtungs­messer-Einstellung auf ISO-125.

Dass die 18% nicht unbedingt einem durchschnittlichen Motiv entsprechen, weiß bzw. wusste irgendwann auch Kodak. Die schrieben später in der Anleitung zu ihrer Graukarte: "For subjects of normal reflectance increase the indicated exposure by 1/2 stop." Sie haben damit zugegeben, dass eine 12%-Graukarte, entsprechend einem Kontrast­umfang von 6 Blendenstufen, für angeblich normale Motive sinnvoller wäre. Daher sind alle Belichtungs­messer nicht auf diese willkürlichen 18% kalibriert, sondern je nach Hersteller­philosophie auf etwa 12-14% Reflexion. Das entspricht wieder der 1/3 bis 1/2 Blende Differenz zwischen einer Licht­messung und einer Objekt­messung auf die Graukarte. Weil man nun aber nicht ständig Motive mit 5 Blendenstufen Kontrastumfang vor der Linse hat, ist eine Graukarte vor allem für den nützlich, der sie verkauft. Sie ersetzt keine ausführliche Kontrast­messung mit einem Spot-Belichtungs­messer. Wirklich sinnvoll ist deren Verwendung nur bei Farb­aufnahmen, um beliebige Farbstiche besser herausfiltern zu können.

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Lichtwert LW ↔ Exposure Value EV ?

Im Zusammenhang mit Belichtungsmessern kommt immer wieder die Frage auf: Was ist jetzt was, oder gibt es da überhaupt einen Unterschied? Das wollen wir zunächst einmal klären.

Es ist ganz einfach: LW ist im deutschen Sprachraum üblich, im Rest der Welt verwendet man EV, und man meint damit genau das Gleiche: eine bestimmte Lichtmenge, die durch Verschluss und Blende auf den Film fällt. Das war noch nie anders. Der Begriff „Lichtwert“ suggeriert eine vorliegende Helligkeit des Motivs. Daher halte ich LW für eine irreführende Übersetzung des englischen "exposure value". Die wörtliche Übersetzung „Belichtungswert“ trifft die Bedeutung besser. Ich persönlich vermeide die Verwendung von LW und beschränke mich auf EV.

Als EV 0 definiert ist eine Belichtungszeit von 1 s bei Blende 1,0. Eine Erhöhung um 1 EV bedeutet: Die Kamera lässt durch geeignete Zeit- und/oder Blenden­einstellung nur halb so viel Licht durch - oder: höherer EV = weniger Licht auf den Film.

Ein Beispiel: EV=12 entspricht einer Belichtung mit 1/125 s bei Blende 5,6 oder 1/60 s bei Blende 8 oder 1/30 s bei Blende 11 u.s.w., und das gilt bei allen Belichtungsmessern, egal bei welcher Film­empfindlich­keit und Motiv­hellig­keit. Jeder kann das mit seinem Belichtungs­messer selbst bestätigen! Ob diese Belichtung zum Film passt, hängt dagegen von dessen Empfindlichkeit und der Motiv­hellig­keit ab. Bei dem selben Motiv zeigt ein Belichtungs­messer je nach eingestelltem ISO-Wert logischerweise einen anderen EV an. "Sunny-16" bei einem 100er Film erfordert eine Belichtung gemäß EV 15 und bei einem 400er Film ist das eben EV 17, also eigentlich ist jetzt alles klar.

Leider gibt es etliche (meist amerikanische) Quellen, die solche EV-Tabellen auf eine Empfindlichkeit von 100 ISO beziehen. Sogar die Wikipedia-Seiten geben diese Irreführung als eine alternative Definition an, bei der der Lichtwert von der Film­empfindlich­keit abhängig ist. Das sorgt immer wieder für Verwirrung, leider auch beim weiter oben schon erwähnten Exposure Calculator, den ich trotzdem empfehle. Der dort angezeigte EV-Wert ist für den Zweck völlig überflüssig und gilt ausschließlich für einen 100-ISO-Film. Das stört aber bei der Anwendung nicht weiter. Selbstverständlich kann man dieses geniale Teil auch bei anderen ISO-Werten verwenden. Weil diese falsche EV-Definition so weit verbreitet ist, habe ich mir selbst auch schon angewöhnt, "Sunny-16" automatisch mit EV 15 zu verbinden. Richtiger wird das dadurch aber auch nicht!

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Welcher Belichtungs­messer ist der beste?

Jeder, der mit mehr als einer Kamera und auch noch mit Hand­belichtungs­messer arbeitet, wird feststellen, dass die Belichtungs­messungen nicht immer ein einheitliches Ergebnis bringen und durchaus etwas schwanken können. Nachdem sich bei mir etliche Gerätschaften angesammelt haben, war es naheliegend, die diversen Belichtungs­messer-Anzeigen unter­einander zu vergleichen. Zum Einsatz kamen 5 Hand­belichtungs­messer sowie die integrierten Belichtungs­messer diverser Kameras. Die meisten Geräte dieses Vergleichs arbeiten mit einer Silizium-Messzelle. Außer in der Rollei 35S sind bei mir übrigens alle alten CdS-Belichtungsmesser im Zeitraum von 2016-2019 ausgefallen. Bei den integrierten Belichtungs­messern habe ich nur die Sucher­anzeigen ausgewertet. Ich habe für diesen kurzen Vergleichs­test keine Filme belichtet, was nicht zwingend zum gleichen Ergebnis führt. Meine analogen EOS-Gehäuse und die Mamiya 6 neigen bei Automatik zu etwa ½ Blende Unter­belichtung (im Vergleich zu Messwert­anzeige und manueller Einstellung von Zeit und Blende)!

Erschütternd für mich war zunächst, dass nicht einmal innerhalb einer Marke (Gossen) Einigkeit herrscht und zwar sowohl bei Messung auf eine einheitlich mit Tageslicht beleuchtete weiße Wand als auch bei Messungen auf ein identisches Motiv im Freien. Damit alle Geräte gleiche Messungen liefern, muss ich so korrigieren:
Profisix ±0 / Variosix F: +0,4 EV / Digisix 2: −0,3 EV / Sixtomat F2: ±0 / Sekonic L-208: ±0

Belichtungsmesser-Auswahl

Zwei Gossen-Geräte tanzen also aus der Reihe. Mit den genannten Korrekturen sind die Anzeigen in Überein­stimmung mit allen EOS-Kameras, der Canon New F-1, der AL-1, der Mamiya 6, der Rollei 35S (mit noch funktionierender CdS-Zelle) und sogar mit dem Selen-Belichtungs­messer einer 60 Jahre alten Rolleiflex. Ich kann das also als stabilen und für mich maßgebenden Mittelwert betrachten. Alle meine anderen alten Kameras pendeln mit einer Streubreite von etwa ±½EV ebenfalls um diesen Wert.

Mein Referenz-Belichtungs­messer war 15 Jahre lang der alte Variosix F. Jetzt weiß ich, dass er bei Tageslicht um reproduzierbare 0,4 EV vom Mittelwert meiner Vergleichs­messungen abweicht. Ich musste daraufhin alle früher damit ermittelten Filmempfindlichkeiten um 1 DIN reduzieren. Als Nebeneffekt kann ich jetzt bestätigen, dass man sich auf die Angaben in den Ilford-Datenblättern verlassen kann. Leider gilt das nicht für alle Datenblätter, da steht zum Teil viel Unfug drin.

Die gleichen Messungen habe ich dann noch bei Kunstlicht mit einer altmodischen 100W Glühbirne gemacht. Alle Canons, Rollei 35S, Sekonic L-208 und Digisix 2 (dieser mit der für Tageslicht ermittelten Korrektur) bringen auch bei Kunstlicht ein einheitliches Ergebnis. Bei folgenden Belichtungs­messern muss korrigiert werden:
Profisix, Variosix F und Mamiya 6: −0,7 EV / Sixtomat F2 und Rolleiflex: −1,0 EV.

Weniger EV heißt, mehr Belichtung. Eine Belichtung ohne Korrektur ergäbe also bereits eine satte Unterbelichtung. Gleichzeitig hat Schwarz­weiß­film bei Kunstlicht typischerweise eine um 1-2 DIN geringere Film­empfindlich­keit als bei Tageslicht. Der Film kompensiert leider nicht diese Belichtungs­messer­abweichungen, sondern diese liegen doppelt falsch!! Laut dem Service bei Gossen haben die älteren SBC Zellen wie z.B. im Profisix zunehmend Probleme im Rotspektrum. Der Sixtomat F2 (mit der größten Abweichung) ist aber ein Modell aus dem Jahr 2018! Wer bei Kunstlicht fotografiert, muss also unbedingt Belichtungs­messeranzeige und reale Empfindlichkeit des verwendeten Films aufeinander eintesten.

Hinweis in eigener Sache: In einer früheren Fassung dieser Seite (vor Dez.2019) habe ich fälschlicher­weise geschrieben, dass diese fehler­haften Belichtungs­messer­anzeigen die geringere Filme­mpfindlich­keit bei Kunstlicht kompensieren. Genau das Gegenteil ist der Fall: Ausgehend von den Anzeigen der genannten Belichtungs­messer braucht der Film etwa 1,5 Blenden­stufen mehr Belichtung. Solche Abweichungen wären auch für einen ansonsten sehr toleranten SW-Film zu viel!

Jetzt könnte ich noch weitere Messreihen durchführen, z.B. zur Blitzlichtauswertung oder zur Überprüfung der Linearität bei 15 EV ↔ 8 EV oder eine eigentlich nicht besonders sinnvolle Gegenüberstellung Licht­messung ↔ Objekt­messung. Vor allem Letzteres hat wieder mein Vertrauen in renommierte Belichtungs­messer erschüttert: Ein schneller Vergleich der Lichtmessung ergab bei identischer Tageslicht­situation eine Streubreite von 1,0 EV! Selbstverständlich waren die Belichtungs­messer so kalibriert, dass die Mess­ergebnisse bei Objekt­messung auf die selbe weiße Fläche identisch waren. Weiteren Test-Frust erspare ich mir, denn nach DIN 19010 dürfen Belichtungs­messer um bis zu 1/2 Blenden­stufe falsch anzeigen, was sie nach meinen Erfahrungen auch tatsächlich tun! Es ist also eigentlich alles in Ordnung, spätestens nach kleinen Eingriffen in die Kalibrierung, wie es bei Gossen notwendig und auch so vorgesehen ist. Zusätzlich gilt immer noch meine Empfehlung, sich auch mit der bereits erwähnten, hersteller­unabhängigen Sunny-16-Regel vertraut zu machen und damit Erfahrung zu sammeln.

Welcher Belichtungs­messer ist jetzt der beste?
Diese eingangs gestellte Frage kann ich nach dem Vergleich meiner kleinen Auswahl, die mir zur Verfügung stand, natürlich nicht beantworten.
• Meine persönliche Empfehlung geht an den kleinen Sekonic Twinmate L-208, weil er weder bei Tageslicht noch bei Kunstlicht eine Korrektur erfordert und seine Batterie (gefühlt) ewig hält. Er ist kompakt und handlich und aktuell der Belichtungs­messer mit dem günstigsten Neupreis.
• Noch etwas flacher und besser für die Hosentasche geeignet ist der Gossen Digisix 2. Außer der Farbe der Drehscheibe konnte ich weder im Datenblatt noch bei der Anwendung einen Unterschied zum früheren Digisix feststellen. Den Zusatz "2" scheint er nur von der Marketing­abteilung erhalten zu haben.
• Der 40 Jahre alte Profisix ist ein großer Klotz, wiegt 7‑mal so viel und kann auch nicht mehr als diese beiden „Kleinen“. Er ist also wie die ähnlich großen Lunasix-Varianten eher etwas für leidensfähige Nostalgiker. Sein sagenhafter Messbereich ab −5 EV (bei 100 ISO) hat keinerlei praktische Bedeutung, weil es dann so dunkel ist, dass man seine Anzeige gar nicht mehr ablesen könnte. Mit seiner genialen Dreh-Rechenscheibe reizt er aber zum Spielen: Man kann damit EV-Korrekturen oder lineare Ver­längerungs­faktoren einstellen, oder auch bequem nach Zonensystem auswerten. Sein Nachteil: Gossen hat die Wartung für diese Alt-Geräte eingestellt (daher gibt es ihn recht günstig), und bei Kunstlicht erfordert er eine deutliche Korrektur.
• Eine optimale Handhabung bietet der nicht mehr angebotene Gossen Variosix F oder F2 mit drehbarem Sensor und optionalem 5°-Spotvorsatz mit Durchsichtsucher. Dafür hat der Variosix als systembedingten Nachteil einen abnehmbaren und damit verlierbaren Diffusor. Bei Kunstlicht ist ebenfalls eine deutliche Korrektur erforderlich!
• Enttäuschendes Ergebnis dieses Kurztests: Man muss „seinen“ Belichtungs­messer als ein Glied einer abgestimmten Prozess­kette sehen, die aus vielen Einzel­schritten besteht. Also ist für eine wirklich sinnvolle Verwendung wieder ein mühsames Eintesten erforderlich. Bei so teuren Messgeräten ist das eigentlich ein Unding! Noch eine Empfehlung zum Schluss: Zum Digisix (billige Knopfzelle) und Variosix F (9V-Block) am besten immer eine passende Reserve­batterie bereit halten!

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Mein persönliches Fazit

Weder die Graukarte noch der beste Belichtungs­messer ersparen uns das Mitdenken und die Kenntnis der technischen Zusammenhänge rund um die Fotografie auf SW-Film. Wir wollen aber auch nicht übertreiben und mit den wissenschaftlichen Methoden der Physiker einen Messwert auf die x-te Stelle nach dem Komma genau ermitteln. Eine absolut richtige Belichtungs­messung ist mit üblichem Fotografen­werkzeug offensichtlich nicht möglich. Jeder muss für sich selbst definieren, was „seine“ richtige Belichtung ist, gemessen mit „seinem“ Referenz-Belichtungs­messer und passend zu „seiner“ Verarbeitungs­kette - und im Zweifelsfall hat man dann noch „seine“ individuelle Erfahrung.

Lediglich Diafilme brauchen eine punktgenaue Belichtung. Abweichungen von plus/minus einer halben Blende wären dort bereits deutlich sichtbar. Gottseidank haben wir mit der Schwarzweiß­fotografie eine sehr tolerante Technik. Daher habe ich die Testerei wieder aufgegeben und einfach einen Belichtungs­messer mit leicht und genau ablesbarer Digital­anzeige zu meinem persönlichen Tageslicht-Referenz­gerät erklärt.

In einer alten Kodak-Broschüre stand einmal sinngemäß:

Fotografie ist fast unmöglich. Die Verschluss­zeit darf bis zu 50% Abweichung haben, die Blende ebenso; vom Thermometer und der Uhr in der Dunkelkammer ganz zu schweigen. Wenn alle Toleranzen in eine Richtung ausschlagen, ist das Ergebnis ein weißes oder schwarzes Negativ. Da sie es aber selten tun, fotografieren wir mit Leidenschaft.

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Copyright © 2009-2020, Dr. Manfred Anzinger
Stand: Jan. 2020, wird gelegentlich korrigiert und bei neuen Ideen fortgesetzt.